Planlos losschreiben

Affen können nichts dafür, wenn Menschen in ihnen ihr Abbild zu erkennen meinen. Und wurscht ist es ihnen auch.

Als Student, also vor sehr langer Zeit, habe ich einmal im Affenhaus des Tierparks Hellabrunn eine vergleichsweise große Gruppe von Menschen angetroffen, die sich an der Glasscheibe festzukleben schien. Zu sehen waren Schimpansen mit ihrem Nachwuchs, und der wieder war zu sehen in Windeln. In Windeln! Aus der Gruppe löste sich eine begeisterte Damenstimme: „Mein Gott, wie süßele!“

Diese Szene habe ich in meinen, wenn es denn einer ist, Roman „Wenn Gorillas plötzlich lachen könnten“ aufgenommen. (Für mich ist Roman inzwischen ein Allerweltswort, mit dem reichlich wahllos prosaische Literaturerzeugnisse bezeichnet werden.) Darin geht es um einen, und zwar den letzten, Tag im Leben eines gewissen Sokrates B., der von der Großstadt, konkret von München hin und her gerissen ist und zwischen Erstaunen und Abneigung schwankt, weil die Stadt nicht recht zu wissen scheint, was sie von einem wie ihm halten soll, und umgekehrt. Er sucht nach seinem Platz, man könnte auch sagen: nach seinem Lebenssinn. Wie kam ich zu diesem Prosastück?

Ich erinnere mich, dass ich nach dem Abitur längere Zeit, etwa ein halbes Jahr, nichts mehr geschrieben habe, weshalb ich eine zunehmende Unruhe in mir verspürte. Seit dem 18. Januar 1974 ist das Schreiben zu einer festen Größe in meinem Leben geworden. Aber was sollte ich schreiben? Ein Plan musste her. Erst macht man sich einen Plan, dann an die Arbeit. Das Dumme ist nur: Ich bin fürs Pläneschmieden nicht zu haben, weil ich den Eindruck habe, dass Pläne in der Regel nichts anderes sind als die berühmten Vorsätze an Silvester, die an Neujahr entsorgt werden. Oder wie John Lennon meinte: „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“.

Mir wurde klar, dass es mir ja nur ums Schreiben geht. Schreiben: Nichts anderes wollte ich. Warum also erst planlos herumplanen, wenn ich genausogut gleich planlos losschreiben kann. Also kam aufs Papier, was ich intuitiv-eruptiv zu Papier bringen wollte. Im Grunde war es ein rüdes Experiment, eine Art Jam-Session meiner Ideen, der ich zunächst den Titel „Hinter den Sternen“ gab und dann umbenannte in: „Wenn die ganze Welt ein Teller wär’“. Diesen Titel habe ich einem kleinen Jungen abgelauscht, den ich an der U-Bahn-Haltestelle Marienplatz in München sagen hörte: „Wenn die ganze Welt ein Teller wär’, würde ich die ganze Zeit“, und mit seiner rechten Hand tat er so, als wollte er gierig das ganze Universum auslöffeln.

Diesen Text, der garniert war mit Krakeleien, gibt es nicht mehr, obwohl ich die Erfahrung, die ich gemacht habe, nicht missen möchte. Mit ihm habe ich lediglich endgültig den zuvor bereits mit Gedichten und bildhaften kleineren Theaterstücken zaghaft beschrittenen Weg eingeschlagen, der aus dem Füllhorn der Intuition schöpft und kreiert. Aber mehr als das war er nicht. Dennoch gilt bis heute: Meine Kunst ist die Sprache, die mir als Werkzeug zur Verfügung steht, um geistiges Empfinden dingfest zu machen und es mit Interesse für sie meinen Mitmenschen mitzuteilen – wenn sie denn ihrerseits interessiert sind.

In „Wenn Gorillas plötzlich lachen könnten“ unterfütterte ich meine eruptive Intuition mit einer Struktur. Obwohl ich natürlich weiterhin nicht im Traum (meine Träume haben andere Aufgaben) daran dachte, einen Plot (ein Wort, das ich damals noch nicht kannte) zusammenzubasteln und dafür auch noch zu recherchieren, gab ich mir einen zeitlichen (ein Tag) und lokalen Rahmen (München) vor, in dem Sokrates B. Auftreten sollte. Autobiografische Elemente wie die Szene im Tierpark taten ihr Übriges, um dem Text lebendiges Flair zu verleihen. Am Ende habe ich alles in vier Abschnitte unterteilt:
Teil 1: Wie Sokrates B. über sich hinauswuchs
Teil 2: Wie Sokrates B. zu Fall kam
Teil 3: Wie Sokrates B. sich seiner Nacktheit zu schämen begann
Teil 4: Wenn Gorillas plötzlich lachen könnten…

Die ersten beiden Absätze daraus mögen genügen für einen kleinen Einblick in den Text:

Vom Vogel? Nein, das glaub‘ ich nicht. Nein, nicht vom Vogel, vom Vogel nicht! Schon eher vom Fisch. Er kann doch tun, was er will, der Mensch, er wird nie von alleine fliegen können. Schwimmen, das kann er lernen ohne Technik oder sowas. Dann kann er’s selber. Aber fliegen? Nein, das glaub‘ ich einfach nicht. Aber trotzdem glaub‘ ich auch nicht, vom Fisch. Da ist ja sonst keine Ähnlichkeit da. Dann schon eher vom Affen, meinst du nicht? Aber wenn ich da an diesen Griechen, diesen Sokrates denke, möchte ich selbst das bezweifeln. Aber vom Vogel niemals, da kannst du sagen, was du willst, nicht vom Vogel.

Diese ewig gleichen Gesichter! Nein, heute nicht! Heute nicht, nur von Montag bis Freitag. Jeden Morgen von Montag bis Freitag. Heute ist Sonntag, heute nicht. Sonntag Vormittag. Heute wird gelacht in der S-Bahn. Lachen und fröhlich sein, sonntägliches Lachen, sonntägliches Fröhlichsein. Gleich. Jeden Sonntag. Die S-Bahn huscht durch den Schacht. ‚Nächster Halt: Marienplatz!‘

Ein weiterer Affe, ein Schimpanse um genau zu sein, spielt in einem späteren Werk die zentrale Rolle. Darüber will ich in einer Woche erzählen.

Bildung vs. Bildungshuberei

Definitionen basieren auf Grenzerfahrungen, die man überall und jederzeit machen kann oder sogar machen muss. Nicht selten werden diese Erfahrungen einfach abgehakt. Gehören nun mal zum Leben dazu. Wer aber mutig und beherzt sein und das Leben überhaupt in den Griff, in den Be-Griff kriegen will, macht sich die Mühe, aus dem Erlebten Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, sie einzuhegen, zu begrenzen, also zu definieren. Ohne könnten wir sämtliche Schulen dichtmachen. Allerdings gilt es das, wie ich zugeben muss, von mir definierte doppelte emsemsemsche Definitionsparadox zu beachten:

1. Wenn man etwas definiert, definiert man etwas nicht.

2. Je mehr man definiert, desto mehr definiert man nicht.

Ich finde: Mehr Grenzerfahrung geht eigentlich nicht. Womit wir wieder bei der Schule wären.

Die ist nämlich eine einzige Grenzerfahrung, jedenfalls wenn die Definitionen in den Lehrplänen wichtiger werden als die Kinder, denen zunächst einmal zu persönlicher Bildung zu verhelfen ist und dann erst zu beruflicher Karriere. Es geht gerade nicht darum, Bildung nach erworbenem Abschluss abzuhaken, als wär’s das nun, sondern aus dem erworbenen Bildungsreservoir sowohl schöpfen als auch es individuell und autonom erweitern zu lernen, also sein Lebtag lang einfach nur das zu tun, was man schon als Kind gemacht hat: „Warum?” zu fragen. Bildung ist eben sehr viel mehr als bloße Bildungshuberei. Sie ist im Kern nichts anderes als die Ernte von Früchten, die unsere Altvorderen gesät haben. Ihr universeller Wert erwächst direkt aus der unantastbaren Menschenwürde. Bildung ist deshalb für mich die persönliche Grenzerfahrung fürs Leben. Da definiert mir keiner irgendwas dazwischen.

Grenzerfahrung Zahnarztbesuch

Grenzerfahrungen stehen bei nicht wenigen Menschen ganz oben auf der Agenda von Dingen, die sie unbedingt tun wollen, sei es um zu beweisen, wie mutig sie sind, sei es um irgendeine modische Challenge abhaken und zur nächsten schreiten zu können, sei es, warum auch immer.

Für mich ist das einfach nur künstliches Gehabe, das ich nicht brauche. Mein Leben bietet auch so genug Grenzerfahrungen, ja ist vielleicht eine einzige Grenzerfahrung zwischen Zeugung und Tod. Wenn ich nur an meine frühen Zahnarztbesuche denke, als das zweimal tägliche Zähneputzen, diese ebenso einfache wie effektive Kariesprophylaxe, noch nicht so selbstverständlich war wie heute, als die Zahnärzte technisch noch nicht so super ausgestattet waren wie heute, als man das bohrende Gewühle im kariösen Zahn ohne schmerzhemmende… Aber lassen wir das. Grenze geschlossen.