Lilu – Gesehen hat ihn nur einer/Teil 1

Heute und an den kommenden Mittwochen präsentiere ich eine Reihe von Geschichten über einen gewissen Lilu, die ich in einer Zeit geschrieben habe, als das Händy anfing, unseren Alltag zu prägen. Vergnügsame Lesefreude wünscht Emsemsem!

Buchstaben

Es gibt auf der ganzen Welt nur einen Menschen, der Lilu kennt, und das bin ich. Genau genommen kennen ihn auch noch Toni, meine Frau, und Thimo und Bea, unsere Kinder, denen ich natürlich von Lilu erzählt habe und erzähle. Aber gesehen haben sie ihn nicht. Gesehen hat ihn nur einer: ich nämlich.

Eines Tages, an einem freien Samstag, saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete an einem Krimi. Ich war mir sicher, eine besonders knifflige Idee im Kopf zu haben, die mir die Nacht zuvor gekommen war.

Ich habe immer, kurz vor dem Einschlafen, wenn ich ruhig und entspannt daliege, die meisten, jedenfalls die besten, naja vielleicht nicht immer die besten, jedenfalls habe ich vor dem Einschlafen so manches Mal gute Ideen. Da meine ich immer, ich könnte morgen aller Welt beweisen, was sie an mir hat und dementsprechend einst an mit verlieren wird, und dass sie gut daran täte, mir und meinen beiden Büchern endlich mehr Beachtung zu schenken – eine wunschgenährte Illusion, weil es von diesen Büchern nicht viele gibt. Dann schlafe ich ein, und am nächsten Morgen sind die Ideen kaum mehr einen Pfifferling wert. Ihr Glanz vom Abend vorher ist matt geworden. Oder sie sind ausgelöscht, wie nie gewesen, und ich kann mich, allen Mühen zum Trotz, nicht mehr an sie erinnern.

So saß ich mindestens eine Stunde da und starrte auf die Schreibmaschine und das leere weiße Blatt Papier darin. Alles, was ich mir in Gedanken zurechtgelegt hatte, kam mir, sofern ich mir dessen überhaupt noch inne wurde, so richtig doof und kindisch vor. Ich schämte mich vor mir selbst. Aber zum Glück wusste ja niemand von meiner persönlichen Pleite, geschweige denn die ganze Welt. Fast fühlte ich mit den vielen Lektoren und Verlegern, die meine Werke bis auf die eine oder andere Ausnahme ablehnen.

„Na, du Schreibstift!“ rief mir plötzlich jemand zu. „Es klappt wohl nicht so, wie du’s gerne hättest, hm?“

„Das kannst du laut sagen“, erwiderte ich schmollend. Ich war so traurig über mein Missgeschick, dass ich mich gar nicht lange bei der Frage aufhielt, wer sich da aus heiterem Himmel mit mir in einem, wie ich finde, ziemlich frechen Ton unterhielt.

„Schreib’ doch mal den Buchstaben, auf dem ich stehe!“ forderte mich dieser Jemand auf. Mir kam diese Aufforderung etwas keck vor. Andererseits dämmerte in mir die Hoffnung, dass vielleicht ein guter Geist oder meinetwegen auch ein böser nach der Art der Kobolde gekommen sein könnte, um mir nun Buchstabe für Buchstabe (und wenn möglich mit Satzzeichen!) den Krimi in die Schreibmaschine zu diktieren. Ach, wäre das schön gewesen!

Da wurde mir erst so richtig klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Träumte ich denn noch immer oder schon wieder? Ich sollte einen Buchstaben schreiben? Das ließe sich ja noch machen. Aber ich sollte genau den Buchstaben schreiben, auf dem… Ich fragte nach:

„Welchen Buchstaben soll ich schreiben? Ich habe dich, glaube ich, nicht richtig verstanden.“

„Den, auf dem ich stehe.“

„Du stehst auf einem Buchstaben?“

Ich schloss, warum weiß ich nicht, die Augen.

„Ja, und den sollst du schreiben sollst du.“

„Und“ – ich schluckte – „wo stehst du?“

„Auf dem ‚L‘.“

Nun sah ich ihn! Er stand auf der L-Taste meiner Schreibmaschine, winkte mir zu und lachte über das ganze, breite Gesicht.

„Hallo!“ rief er mir zu und lupfte seine kleine gesprenkelte Pudelmütze zum Gruß. Dabei verneigte er sich höflich. Er war elegant gekleidet und trug einen dunklen Anzug, als würde er gerade zu einem Staatsempfang oder gar zum Wiener Hofball ausgehen. Oder trägt man da Frack? Der Anzug war ihm allerdings ein paar Nummern zu klein. Vielleicht musste er deshalb ein wenig schwitzen. Eine dunkelblaue, weiß getupfte Krawatte stach von einem makellos weißen Hemd ab. Seinem runden Bäuchlein war es zuzuschreiben, dass ich einen fröhlichen und lustigen Eindruck von ihm gewann.

„Na los! Drück’ schon!“ forderte er mich nochmals auf.

„Ich soll also die Taste drücken, auf der du stehst?“ fragte ich überflüssigerweise nochmals, wie um mich einer Sache zu vergewissern, die ohnehin schon so gewiss war wie der Stuhl, auf dem ich saß.

„Du bist ein typischer Schnellmerker von der Firma Langsam & Co.“, frotzelte er. Ich holte mit der rechten Hand aus und wollte schon den Zeigefinger auf die fragliche Taste niedersausen lassen.

„Willst du da stehenbleiben?“ fragte ich. „Ich könnte dich zerquetschen. Das will ich nicht.“

Da lachte er, und zwar so heftig, dass er sich auf den Tasten der Schreibmaschine kugelte und sich den Bauch halten musste.

„Ich bin schneller weg als du Eins sagen kannst!“ stieß er unter Lachtränen hervor. Nun denn! Ich erhob erneut den rechten Zeigefinger, und schon hatte ich die Taste gedrückt. Auf dem Papier stand ein kleines „l“.

„Und jetzt drückst du hier!“

„Wo bist du jetzt?“

„Hier oben!“

Aha! Prompt war mein Finger zur Stelle und drückte auf das „i“

„Hierher! Hier geht’s weiter!“

Er stand wieder da, wo er schon zuvor gestanden war.

„Du willst mich wohl verarschen?“ fragte ich unwillig, weil ich nichts verstand und auch nichts Besseres zu sagen wusste.

„Oh!“ sagte der Zwerg, der vor mir auf den Tasten der Schreibmaschine herumturnte, was sonst allein meine Finger tun, und tadelte mich:

„Dieses Wort will ich nicht gehört haben. Es ist unanständig und unangebracht. Aber so seid ihr Freizeitkünstler nun mal!“

Das fasste ich schon als Beleidigung auf. Aber da ich als Künstler nun mal auch neugierig zu sein pflege, ließ ich mich gar nicht erst darauf ein. Statt dessen drückte ich herzhaft auf die gewünschte Taste, ohne lange zu zögern, während er schon auf dem „u“ wartete und höhnte:

„Du bist aber wirklich langsam heute!“

Na schön! Ich drückte sofort auf das „u“ und wartete dieses Mal nicht weiter auf seine Instruktionen.

Auf dem Papier stand nun: l i l u.

„Gestatten“, sagte er, wieder ganz die Höflichkeit selbst, und verbeugte sich vor mir. „Lilu ist mein Name, allerdings mit einem großen ‚l’ vorne.“

Ich wollte schon aufstehen und ihm die Hand drücken, wie sich das so gehört, als ich merkte, dass das schlecht ging. Ich reichte ihm wenigstens meinen kleinen Finger, den er mit beiden Händen umfasste. Eigentlich war die ganze Situation blöd. Du meine Güte! Da taucht urplötzlich ein laufender Zentimeter auf, der sich auf den Tasten meiner Schreibmaschine breitmacht und mir sagt, was ich zu tippen habe. Und ich gehorche! Nur weil ich auf einmal an das Märchen von den Heinzelmännchen glaube, die nichts anderes zu tun haben als mir einen rasanten und alle Bestsellerrekorde brechenden Krimi zu diktieren.

„Du heißt Lilu?“ hakte ich unsicher nach, weil mir der Name völlig neu war.

„Jawohl, ich heiße Lilu und gehöre zum Stamme der Lulis.“

Ich war verblüfft oder sonst irgendwas. Jedenfalls verstand ich kein Wort. Stamm der Lulis? Ich kannte keinen solchen Stamm. War das ein Adelsgeschlecht?

„Und wer bist du?“ fragte Lilu. „Ich meine, außer dass du ein unhöflicher Tropf bist. Gehört sich das denn, sich nicht vorzustellen? Hm?“

„Bernhard“, antwortete ich sofort wie auf Befehl.

„Soso! Tststs! Ein Bernhard bist du. Und weiter?“

„Wie weiter?“

„Zu welchem Stamme gehörst du?“

Ich begriff wieder nichts. Was meinte der mit Stamm?

„Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch“, sagte ich verunsichert, als könnte ich das selbst nicht mehr glauben.

„Na, das sehe ich auch tu ich das. Wir sind alle Menschen. Bild’ dir da bloß nichts ein drauf! Aber ich möchte wissen, zu welchem Stamm du gehörst möchte ich wissen. Und zwar fix!“

„Stamm! Stamm! Ich weiß nicht, was du meinst!“ Ich wurde ungeduldig. „Ich lasse mir von keinem wie auch immer gearteten Luli oder Lilu…“ Ich war richtig in Fahrt.

Da begann er zu weinen:

„Ich möchte doch nur wissen, wie du heißt“, schluchzte er.

Oh, wie tat er mir jetzt leid, der Arme, und jetzt verstand ich auch, was er wissen wollte. Was tausend Worte nicht schaffen, schafft eine einzige Träne.

„Ich bin Bernhard vom Stamme der Hubers“, sagte ich.

„Jetzt ist alles klar“, sagte er und lächelte durch seine Tränen hindurch, die fast schon nicht mehr zu sehen waren und nur noch ein bisschen glänzten.

Teil 2 folgt nächsten Mittwoch.

Meine schwere Wolldecke

Ich finde immer mehr Gefallen am Schreiben auf Zuruf von Stichwörtern. Obwohl ich schon nicht mehr mit einer Idee gerechnet habe, unter die ich Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau und widerfahren in der geforderten Länge von 500 Wörtern verbinden konnte, hat sie sich plötzlich doch eingestellt. Hier das Ergebnis.

Ein von einem Korsett auf Schönheitsidealmaß zurechtgeschnürter Körper kann sich nicht unwohler fühlen als ich. Umgeben von einer schweren dunklen Hülle, unter der ich dampfe wie sonst höchstens in der Sauna, hocke ich in diesem Zimmer, das eher eine Baracke ist. Über mir gibt sich ein windschief angebrachter Ventilator alle Mühe, wenigstens ein bisschen Kühlung zu erzeugen, während ich den rechtsdrehenden Zeigern einer Kuckucksuhr dabei zusehe, wie sie die Zeit vor sich hertreiben, als wollten sie sie endlich zum Abschluss bringen. Immerhin: Die Luft wandelt sich von tropisch heiß bis erträglich lau, als mich der Morgen aus den Klauen dieses merkwürdigen Traumes, wie er einem eher selten widerfährt, erlöst. Ich werde keine Nacht mehr mit meiner schweren Wolldecke verbringen.

Das Ende der Redewendungen

Nun ist es soweit: Hier ist die Lösung für die letzte umschriebene Redewendung: Eine Hand wäscht die andere.

Die kompletten Lösungen findet ihr hier.

Wenn ihr weiterhin raten möchtet, weil ihr zu spät dazu gekommen seid, so findet ihr die umschriebenen Redewendungen ohne Lösungen auf dieser Seite.

Hiermit möchte ich mich ganz herzlich bei Feli bedanken, der mir die Redewendungen zur Verfügung gestellt hat. Einige haben auch fleißig mitgeraten und das hat mich sehr gefreut. Die Umschreibungen haben die Redewendungen immer auf den Punkt getroffen, auch wenn man es nicht immer sofort heraus gefunden hat.

Die Moral beim Konsum von Fleisch

Uns ekelt es bei dem Gedanken, dass Hunde, Ratten, rohe Quallen o.ä. gegessen werden. In anderen Kulturen, wie Asien, ist der Ekel groß, dass wir Kühe oder Schweine essen. Selbst innerhalb der Kultur gibt es verschiedene Arten des Ekels. Hierzulande zum Beispiel schwören manche auf Pferdefleisch. Andere wiederum lehnen dies ab und ekeln sich davor.

Weiterlesen „Die Moral beim Konsum von Fleisch“

Redewendungen: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Auf der Seite „Redewendungen: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“ wurden Redewendungen veröffentlicht, die anders umschrieben werden.

Hier kommt die letzte Redewendung:

(27) Die zur taktilen Wahrnehmung fähigen, anatomisch distal platzierten, nur bei Humanoiden vorkommenden Greiforgane liquidieren Schmutz durch reziproke Reibung.

(Kommentar von Feli)

Ihr könnt nun bis in einer Woche raten, was es für eine Redewendung gibt. Nächste Woche werde ich dann auf einer extra Seite die Lösung präsentieren und darauf verlinken. Die Lösung zur bisherigen Redewendung findet ihr hier. Will man weiter raten, dann kann man da erst später raufgehen. Da dies jetzt 27 Redewendungen sind, geht diese Aktion 27 Wochen, dies ist die vorletzte REdewendung. Viel Spaß dabei. Die Antworten könnt ihr über Kommentare oder das Kontaktformular geben.

Vielen Dank an alle, die mitgeraten haben.