Bild 4 der Impulswerkstatt lässt an ein Ritterspiel und mich an etwas anderes denken.Weiterlesen „Schluss mit Action!“
Schlagwort: Karl Valentin
Emsemsem erzählt wieder mal, und zwar wieder mal Blödsinn
Für mich tragen die drei Wörter Umhang, verhuscht und anbeten, die dieses Mal zur Teilnahme an den abc-Etüden berechtigen, etwas Geheimnisvolles mit sich. Warum mir dazu trotzdem so ein dadaistischer „Blödsinn“ (Karl Valentin) eingefallen ist, frage man mich lieber nicht. Ich habe nämlich keine Ahnung – wieder mal. Nachtrag: Nun, da dieser Text fertig ist, ist es wieder mal Monika, die darauf hinweist, dass er vielleicht wieder mal zur Impulswerkstatt passen könnte. Und wie er passt, zu dem Torberg-Zitat nämlich!
In die Jahre gekommen, hub Emsemsem der Jüngere wieder mal an zu erzählen, und wieder mal erzählt er von einer Zeit, die er erlebt hat, als er nicht nur dem Namen nach jünger war.
Damals war es, als die Menschen nichts Besseres zu tun hatten als Geld zu machen. Denn Geld war ihnen heilig, und was einem heilig ist, danach trachtet man und betet es an. Dabei entwickelten sie erstaunliche Fertigkeiten, so dass sich niemand wunderte, als eine Tafel Schokolade statt einszweioderdrei über Nacht plötzlich zehn kostete. Für eine Banane wurden sogar mehrere Millionen abgecasht.
Weil in den Banken bald kein Platz mehr war, stapelten Menschen ihr Geld statt auf Konten vor ihren Häusern, wo es wuchs und gedieh und bald die Skylines der Städte überwucherte. Darüber breiteten sie Umhänge aus dem Fundus eines berühmten Verpackungskünstlers, die aber, obwohl sie wetterfest und sogar diebstahlsicher waren, kaum Schutz boten vor dem unter dem Namen Inflation bekannten Schwund.
Genau jetzt begann die Ära der Bargeldlosigkeit, und damit das das Ende von Arm und Reich. Denn jetzt musste sich keiner mehr verhuscht an die allgegenwärtigen Geldstapel wanzen, in der Hoffnung auf herumliegendes und -fliegendes Geld. Man sagte beim Aldidl einfach „Mit Karte”, und die Kasse klingelte, es sei denn, es gab wegen Dunkelflaute keinen Strom. Das passierte, wenn die Politik vergessen hat vorzusorgen und zu viele Menschen auf einmal wie Märchenwesen vor dem Spiegel vor dem Computer saßen, um auf der Suche nach der finalen Schönheit zu inflünzen oder inflünzt zu werden.
Ja, sowas erzählte Emsemsem der älter werdende Jüngere. Er konnte sich das leisten, weil er der Spross einer Seitenlinie der furchtbar berühmten und, man kann es nicht anders sagen, sch...teinreichen Strichmännchenaristokratie war, die ein gewisser Jederweder dereinst begründet hat. Gott hab ihn, was sonst, selig!
Mein Kini ist ein Niederbayer
Wenn ich Bild 3 der Impulswerkstatt sehe, in dem sogar die bayerischen Farben weiß und blau aufscheinen, sind meine Gedanken sofort bei meinem Kini, den ich schon jahrelang in vierzeiligen Versen bedichte und den man an dem Refrain „Ja schbini, sogd da Kini“ erkennt. Dass es ein, nein der niederbayerische Kini ist, sollte ich vielleicht auch noch vorausschicken.
Schon lange lebe ich als Niederbayer unter Bayern in Oberbayern und habe am 18. Januar 1974 mit einem Gedicht in der Standardsprache meinen ersten dichterischen Gehversuch unternommen. (Es droht also mein 50Jähriges.) Obwohl ich das Schriftdeutsche (manche nennen es noch immer „Hochdeutsch“) bis heute als künstlerisches Ausdrucksmittel bevorzuge, so bekenne ich ebenso bis heute, dass ich ohne den bayerischen Dialekt nicht das schreiben würde, was ich so zusammenschreibe. Ich verdanke dem Dialekt, in dem ich meine Muttersprache erkenne, nichts weniger als mein Gefühl für die Schönheit der Sprache.
Vergleichsweise spät, aber immerhin, habe ich begonnen, auch im Dialekt zu schreiben. Das Wort „Kini” leistet mir dazu hervorragende Dienste. Obwohl es traditionell mit den Wittelsbachern verbunden ist, habe ich es einem Niederbayern zugewiesen. Was jenen recht ist, darf diesen doch billig sein. Natürlich hat mein Kini außer diesem seinem Namen mit den Wittelsbachern nichts gemein, insbesondere nicht das niederbayerische Idiom, dem er sich verpflichtet weiß. Vor allem aber: Er ist ein reiner Reim-Kini, und als solcher einzigartig und unverwechselbar. Ja schbini!
Ihn und nur ihn habe ich in bisher über 1.300 vierzeilige und -hebige jambische sowie paargereimte Strophen gegossen, denen jeweils mit „Ja schbini, sogd da Kini“ ein Kehrvers folgt. (Gute 300 davon sind übrigens als Buch im Turmschreiber Verlag, Husum, jawohl: Husum erschienen.) Diese Form ist striktest einzuhalten. Was immer ich noch vom Kini dichten sollte, ohne diese Form ist ist es kein Kini-Verserl.
Dass mein Kini inzwischen einen Allzeitweltrekord halten dürfte, ist keineswegs hochgestapelt. Sogar das Format des Guinness-Buchs habe ich damit gesprengt, weil mein Schbini-Kini-Rekord kaum brechbar ist.
Die formale Strenge hat natürlich seinen Grund. Die japanischen Haikus waren es, die mir die Bedeutung der Form eines gedichteten Werkes so richtig klar gemacht haben. Die Formstrenge ist nämlich keineswegs beengend. Sie kann sogar zu Wortneuschöpfungen führen, die trotzdem so klingen, als wäre es seit uralter Zeit Teil unseres bajuwarischen Stammeswortschatzes. Ein Beispiel:
Beim Kini kimt s Gmias oiwei frisch
vom Gartn eina aufn Disch,
und a seine Brinznbuam
meng säiwazongne Gäiweruam.
Ja schbini, sogd da Kini.
Jawohl, ich bilde mir ein, dass die „Brinznbuam“ (Prinzenbuben) meine Schöpfung sind. Ohne den Zwang zur Form wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, sie dem Nichts zu entreißen.
Im Laufe der Zeit, da es immer mehr solcher Verserl geworden sind, hatte ich immer wieder Anlass zu solch diebischer Freude, weil ich im Dialekt eine subversive Qualität erkannte, die von ähnlicher Bedeutung ist wie die Philosophie, die zum Ausdruck kommt, wenn ein Bayer die berühmten Worte des Goetheschen Götz von Berlichingen ausstößt, die da lauten: Leck mich usw. Kann doch das Bayerische Wörter in Endreimen zusammenwachsen lassen, die im Standarddeutschen nicht zusammengehören. Das folgende Beispiel dazu enthält im übrigen ein weiteres Wort, das ich mir wohl als Erfindung in mein literarisches Kerbholz schnitzen darf, ich meine den „Kinivadda“ (soviel wie Königpapa):
„Vadda, Vadda, Kinivadda!
Gäh mit mir ins Kaschpaltheater!“
„Es gibt koan Kaschpal fiar an Prinz!
I glaub, es junga Leit, es schbinz.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Ähnliches lässt sich für das harmonische Bayerisch-Englisch-Verhältnis sagen, wie ich an gleich zwei (ich hätte sogar noch ein drittes) Verserln demonstrieren möchte, eine Harmonie übrigens, die in keinem geringeren als Anthony Rowley ihren personifizierten Ausdruck findet, der als gebürtiger Brite ein Experte in Sachen bayerischer Dialekt ist:
„Ich weiß, dass Du Geburtstag hast“,
schreibd d Queen vom Buckingham Palast.
„Ich wünsche Dir, verehrter Kini,
happy birthday. Deine Queenie.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Erst recht gilt dies für bayerische Wörter, die mir schon so oft ein Reimerlebnis der entzückenden Art beschert haben:
Sogd d Kuni: „Nix do, meinem Schwein
wead neamad ned an Hois obschnein.
Geh weg do, Metzga, mit deim Hagge! [Beil]
De Sau do kenn i scho ois Fagge!“ [Ferkel]
Ja schbini, sogd da Kini.
Dieser Vers steht im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf ein nicht näher bezeichnetes Fest, und Kuni ist Frau Kini.
Was nun die Inhalte anlangt, so folgen die Verse, die unter dem Titel „Sogd da Kini“ zusammengefasst sind, keinem speziellen Konzept. Was immer sich der formalen Vorgabe gemäß dichterisch fixieren lässt und mein schriftstellerisches Gemüt inspiriert, hat allergrößte Chancen auf Aufnahme in den Kini-Kanon:
Da Kini schbuid mim Diener Schach.
Da Diener sogd: „Das i ned lach!
Schaun S, Majestät, jetz setz i glatt
beim Schach mein eigna Kini matt.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Wollte man diesen Kini-Kanon kategorisieren, ergäbe sich, Stand heute und freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, folgende Liste:
- Der Kini und seine Familie
- Der Kini und sein Schloßgeist Kuno
- Der Kini und Geistesgrößen
- Der Kini und seine Ritterband „The Kinis“
- Der Kini und sein Volk
- Der Kini auf Reisen
Denn auf Reisen ist er auch, aber (bis jetzt) immer nur hoch zu Ross, wenngleich er natürlich als überzeitliches Wesen durchaus auch das automobile Fortkommen kennt.
Natürlich ließe sich die Liste fortführen. Aber das ist nicht meine Aufgabe als Dichter, das wäre die Aufgabe dessen, der einmal den verwegenen Versuch einer Ausgabe des gesamten Kini-Kanons wagen würde. Bis es soweit ist oder auch nicht, stelle ich an Sonn- und Feiertagen jeweils einen Vers unter www.emsemsem.net ins Internet. Unter den Followern weiß ich welche, die speziell dem Kini mit seinem bayerischen Reiz ihre Aufmerksamkeit widmen.
Mit einem Beispiel aus der Abteilung „Der Kini und Geistesgrößen“ möchte ich schließen und damit einem Inspirationshöhepunkt meines Schaffens die Reverenz erweisen:
Da Kini sogd: „Du, Wrdlbrmpfd,
bist moan i gestern schwaar vasumpfd.“
„Stimmt, Kini“, sogd der, „i gibs zua.
Dafia hob i heit aa no gnua.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Es ist natürlich kein Zufall, dass ich damit dem (fast unaussprechlichen) Herrn Wrdlbrmpfd eine tragende Rolle in einem Kini-Versal zuweise, verdankt er seine Existenz doch dem erstaunlichen Genie Karl Valentins, der mich mit den Herren Hepperdepperneppi und Rembremerdeng zu dem Namen „Emsemsem“ inspiriert hat, den ich für meinen Blog verwende. (Außerdem ist Emsemsem der Name für eine Figur in meiner SF-Parodie „Globulon nimmt Kurs auf Schröder XIII“, die ich unter dem Namen Carla Cimtinger exklusiv für „Futter“, der „Zeitschrift für Nimmersatte“ verfasst habe. Aber das ist eine andere, ja ganz andere Geschichte, über die wer will unter https://emsemsem.net/carla-cimtinger-ihr-leben-und-werk-in-vollen-auszugen/ mehr erfährt.)
Nachtrag: Wenn ich meine Kini-Versal als „Königlich-Bayerische Reimungen“ bezeichne, darf man das durchaus als Verbeugung vor dem gleichnamigen Amtsgericht verstehen, um das sich unser Zweites Deutsches Fernsehen in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts bleibende Verdienste erworben hat
„Nochn“ (Heinz Erhardt) Nachtrag: Ich bin einmal mit amerikanischen Touristen ins Gespräch gekommen. Es waren ein Mann und zwei Frauen. Ihre Frage, ob ich englisch spräche, beantwortete ich mit einem zurückhaltenden Ja und ergänzte, meine eigentliche „mother language“ sei jedoch „the bavarian slang“. Und schon begann ich ihnen zu erzählen, dass sich beide Sprachen mit ihrem Schwung und ihrem Schmelz (ich sprach von „smooth“) ähnelten. Es versteht sich von selbst, dass ich diese These mit einem Beispiel untermauerte, in dem außerdem der Bezug zu ihrer amerikanischen Heimat offenkundig ist:
„Weilst du milliardenweise spendst
und s Gäid ois Wohltäter verschwendst,
sog i ois Kini dir, Bill Gates,
a ganz a herzlichs Gott vagäits.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Die drei ließen mir keine Gelegenheit, ihnen den Sinn dieser für sie unverständlichen Worte zu erklären. Wie aus einem Munde sagten sie nämlich: „It sounds great.“ Und ich wusste: Amerika versteht mich. Und wenn mich Amerika versteht, versteht mich bald die ganze Welt.
Igitt!
Eine Begriffshuberei
Christiane lädt zum literarischen Sommerpausenintermezzo: Aus zwölf Stichwörtern müssen mindestens sieben in dem zu erstellenden Textgebilde vorkommen, wobei die sonst striktest einzuhaltende Schallmauer von 300 Wörtern bedenkenlos überschritten werden darf. Ich vermute, dass ich für meine Etüde ganz fürchterlich unter dem Einfluss von Karl Valentin gestanden habe. (Die Stichwörter zum Nachzählen: Apfelkompott, Dürre, Gitarre, Häkeljacke, Hühnergott, Johanniskraut, Kugelfisch, Malheur, Schaumkrone, Sense, Stallknecht, Wasserflasche. Außer Konkurrenz machen auch noch Knoten, Holzscheit, Schwert und Möchtegernamerikaentdecker mit. 😉)
Weiterlesen „Igitt!“Scheinbar billig, scheinbar schwarz
Christianes spätsommerliche Schreibeinladung führt mich mit den Wörtern Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren in die Gefilde der Verbraucherberatung.
Weiterlesen „Scheinbar billig, scheinbar schwarz“Museum mit ä
Die neue Worttrias aus Christianes abc-Etüden (Museum, biografisch, erinnern) gibt mir die willkommene Gelegenheit, ein von mir besonders geschätztes Künstlerduo zu würdigen – und den ihnen gewidmeten „Showroom“ im Herzen Münchens gleich mit.
Weiterlesen „Museum mit ä“Lockerungen der Corona-Regeln
Es werden ab morgen die ersten Lockerungen vorgenommen in Bezug auf die Corona-Pandemie. Bayern hatte bisher den schärfsten Kurs, hat aber auch ein paar Lockerungen vorgenommen und gleicht sich den anderen Bundesländern mehr an. Allein Lebende dürfen ab morgen zum Beispiel sich mit einer Person zum Spazierengehen treffen, die nicht in ihrem Haushalt wohnt. Das war bisher überall erlaubt, nur in Bayern nicht. Sonst gelten die Ausgangsbeschränkungen weiter. Es gibt noch weitere Beschlüsse, wie dass Wertstoffhöfe in Bayern wieder öffnen dürfen. Genaue Regeln dazu findet man unter dem offiziellen Portal der Stadt München.
Weiterlesen „Lockerungen der Corona-Regeln“Nachtaktiv
Hannah Arendt war der Meinung, unsere Sinne wären nicht ineinander übersetzbar. Kein Laut könne gesehen, kein Bild gehört werden. Ich persönlich würde ihr da gar nicht widersprechen, wäre da nicht diese Frau, mir der ich verheiratet bin.
Weiterlesen „Nachtaktiv“