Eine Freude

Häuser sind der Horizont einer Großstadt, der zugleich ihre Kulisse fürs Zwischenmenschliche abgibt. Wenn ich morgens aus dem Haus trete, stelle ich mir jedenfalls schon mal vor, in eine Theaterwelt einzutreten, in der mich täglich neu inszenierte, aber altbekannte Dramen mit ihrer bayerischen Mischung aus grantig und herzlich erwarten. Besonders haben es mir die unscheinbaren Ereignisse angetan, die nicht zur Schlagzeile gerinnen. Gerade sie liebe ich wie das tägliche Brot oder, um endlich zu meiner Geschichte zu kommen, wie eine resche Brezn.

Brezn: So sagt man in Bayern zu einer Breze, und der statt die Butter sagt man hier auch, und beides zusammen ergibt einen Hochgenuss namens Butterbrezn.

Deren Zubereitung erfordert einiges Geschick. Das verschlungene Laugengebäck muss schließlich wie eine Semmel durchgeschnitten und gebuttert werden, ohne es zu verletzen. Um dieses Risiko gar nicht erst einzugehen, werden oft gebutterte Laugenkringel angeboten. Nur: Das ist keine Butterbrezn. Daran ändert auch der leutselige Hinweis des Verkaufspersonals, es handle sich um denselben Teig, nichts. Der Unterschied ist offenkundig: Eine Brezn ist wegen ihrer ungleichen Teigdicke unterschiedlich resch, umspielt also den Gaumen mit mehr Geschmacksnuancen als ihre kreisrunde Normvariante. Und überhaupt: Ein Monokel ist auch keine Brille.

Als man mich kürzlich in Dachau und wenig später in München auf die Laugenkringel verwies, als ich eine Butterbrezn nachgefragt habe, habe ich mir, selbst auf die Gefahr, als kleinkariert zu gelten, ein Herz genommen und meine Vorbehalte geschildert. Zu meinem allergrößten Entzücken bin ich auf herzliches Einvernehmen gestoßen, und nicht nur das. Die Verkäuferinnen ließen es sich nicht nehmen, exklusiv für mich eine Butterbrezn anzufertigen. Klar waren das die beiden besten Butterbrezn aller Zeiten für mich. Und klar, dass ich die Damen in mein Nachtgebet eingeschlossen habe. Denn sie haben mir am Ende etwas bereitet, was selbst den größten Hochgenuss toppt: Freude.