zustand

blicke nach rechts
sehe nur mich
nach links
sehe nur mich
oben unten vorne hinten
nur mich mich mich.
worte
die mein mund spricht
klingen wie aus fremdem munde
zu mir gesprochen.
lasse alles an mir abprallen
was fremd ist.
kein du zum ich.
bin mit mir alleine.
wirble im kreis.
möchte weg.
doch ich gehorche
nicht mehr meinen befehlen.
bin nicht tot.
bin irgend etwas anderes.
es könnte ewig so weitergehen.
ich spüre
es wird gefährlich...



aus: leichten fußes, 1984

Wenn es dämmert

Lange nachdem Jakob van Hoddis in einem von Robert Gernhardt so genannten „Lyrik-Hammer” das „Weltende” verspottet und etwas weniger lange, nachdem der Literaturnobelpreisträger Cesław Miłos sein melancholisch-zärtliches „Lied vom Weltende” intoniert hatte, brach tatsächlich die „Zeit der Endgültigkeit“ an. So nannten Zeitzeugen wie ich die apokalyptisch anmutenden Jahre, als sich die Politik in die Absurdität zu verabschieden begann und der Bevölkerung Regeln auferlegte, die einzuhalten unmöglich war, weil sie sich gegenseitig annullierten. Der verantwortungsvolle Staatsbürger wurde zu einer vom Aussterben bedrohten Art.

Damals war es auch, dass die Musik plötzlich anfing, sich von ihren verdutzten Melodien zu lösen und sich in ihre angestammten Instrumente zurückzuziehen. Die Buchstaben machten sich über Nacht vom Acker und ließen ihre Bücher, die nicht wussten, wie ihnen geschah, leer in den Regalen zurück. Buchstäblich aus dem Staub machten sich auch die Farben, so dass allenfalls ein paar verhuschte Pigmentkleckse an bessere Tage erinnern. Unsere Kultur, unsere Herkunft, unsere Geschichte – alles war mit einem Mal Schnee von gestern.

Mit besonderer Wucht traf es die Computer, denen man das Regiment über Wohl und Wehe unserer Zukunft übertragen hatte. Jedes einzelne Bit trat geradezu panisch die Flucht aus sämtlichen Speichermedien an hinein ins wolkig-virale Datennirwana. Die weltweite Vernetzung, lange als einziger Heilsweg zwischenmenschlicher Kommunikation glorifiziert, erwies sich auf einmal als ungangbar, so dass in wenigen Wochen die imposanten Glasbauwerke in sämtlichen Silicon Valleys dieser Welt in ihre Bestandteile zerfielen. Von „Datendämmerung“ war die Rede, und die Zeitung mit den größten Buchstaben titelte ebenso kurz wie souverän: „Die Analogie schlägt zurück“. Eine ganze Epoche schien ihr Ende beschlossen zu haben. Es schien fast, als hielte die Menschen nur noch die bizarre moralische Pflicht aufrecht, nun mit gemeinsamer Kraftanstrengung die Luft aus der Welt zu lassen und mit letzter den Löffel abzugeben. Jedenfalls trübte sich der natürliche Wille zu leben merklich ein. Man ließ es phlegmatisch, geradezu apathisch zu, dass die Melancholie im allgemeinen Stimmungsgefüge die Oberhand bekam und sich endgültig als Einfallstor für die schlimmste aller Pandemien entwickelte: der Depression.

Fürs Arbeiten, Lernen, Bäume pflanzen und für so Sachen wie Kinder erziehen, Pflicht erfüllen, Verantwortung tragen hatte man keine Zeit und erst recht keine Lust mehr. Ich weiß noch, dass ich mir damals nur dachte, jetzt pressiert es, und wir Menschen sollten schnell weggenießen, was an Verwertbarem noch da ist. Wer weiß, was noch kommt.

Tja, und nun streiten sich die Gelehrten darüber, ob das der schon lange beschworene Weltuntergang war, oder wieder einfach nur ein Neubeginn, wiwie er sämtliche Weltuntergänge seit dem Mittelalter hartnäckig begleitet hat, obwohl man sie bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, manchmal sogar mit Datumsangabe, vorauszusagen pflegte. Immerhin kann man sagen: Wenn es dämmert, ist es entweder Abend oder Morgen.