Totholzkoloss

Dieser Koloss im Englischen Garten Münchens sieht aus wie bewusst von Menschenhand erstellt. Falsch wäre der Eindruck nicht, da in jedem Falle meine rechte Menschenhand im Spiel war. Indem sie nämlich den Auslöser betätigte, erweckte sie diese Totholzskulptur quasi zum Leben. Und nebenbei habe ich meiner Sammlung von Schnappschüssen einen weiteren hinzugefügt. Das Foto versteht sich als Beitrag für die Impulswerkstatt zum Mosaikstück 2. (Foto: Bernhard Huber)

Neulich im Finanzamt

> Unterwürfigkeiten zählen hier nicht. Erzählen Sie einfach ganz ohne schmückendes Beiwerk.

> Naja, ich hatte einen lukrativen Fisch an der Angel und echt einen Batzen Geld in Aussicht…

> …weshalb Sie…

> …weshalb ich in einem Anflug von Übermut…

> …obwohl angesichts Ihrer finanziellen Möglichkeiten eine gewisse Unterwürfigkeit besser gewesen wäre…

> …etwas viel von dem in Aussicht gestellten Geldsegen auf den Kopf…

> Etwas viel? Ich würde sagen: viel viel.

> …gehauen…

> Ich habe den Beleg vor mir.

> …alles verjubelt habe.

> Sie haben sich mit anderen Worten bis über beide Ohren verschuldet, richtig?

> Obwohl, was heißt hier verjubelt? Es ist immerhin ein Gemälde. Ein Original!

> Wie gesagt: Der Beleg liegt vor mir.

> Gemälde kosten eben. Ich sage nur Mona Lisa. Und dieses war außerdem total modern und so futuristisch, dass ich dachte, ich könnte es als Werbungskosten von der Steuer, quasi als Inspirationsquelle…

> Nein, können Sie nicht.

> Ich bin immerhin SciFi-Autor.

> Tja, das Finanzamt hat mit Ihrem Genre in etwa so viel zu tun wie Politik mit Logik.

> Umso inniger ersuche ich Sie mit dem Ausdruck tiefster staatsbürgerlicher Unterwü-, nein, streichen Sie das: Ich bitte Sie einfach nur um Nachlass…

> Sagten Sie Nachlass?

> Äh, Stundung, ich meinte natürlich Stundung.

> Ich werde sehen, was ich tun kann.

> Und ich werde das Finanzamt in meinem nächsten Roman erwähnen, einem Zukunftsroman.

> gequältes Lächeln

> Wenn Sie ein Exemplar kaufen, wird schneller ein Bestseller draus, was der Erfüllung meiner steuerlichen Pflichten sehr entgegenkommen würde.

> Auf mich können Sie leider nicht zählen. Finanzbeamte lesen ausschließlich Steuererklärungen.

> Dann muss ich vorsorglich um eine weitere Verlängerung bitten.

ein denkmal erinnert sich

ich sehe in das land.
es ist weit.
weit und kahl.
farblos und leer…

nichts mehr zu sehen
von ihrem gelächter.

ist es nicht sonderbar:
plötzlich fingen sie an
zu spielen!
zu lachen!
übermut?

im verdrängen waren
sie meister.
ohren und augen schlossen sich
nach bedarf.

sie lachten über ihren untergang. sie
hasteten um zu vergessen.
sie hatten keine zeit mehr
für ihre denkmäler.
sie anzuschauen.
sich zu erinnern.
sie erinnerten sich nicht…

von einem urknall sprachen sie.
von dem tier
aus dem der mensch
hervorgegangen sein soll
und von vielem.

aber wahrheit?

sie gebrauchten plötzlich
wieder begriffe wie
hölle und lieber gott.
und wähnten sich stark.
wem ist es aber
jemals gut bekommen den
teufel zu beschwören oder gott
zu erpressen?

es ist zum lachen…

es kam in mode
den zu verfluchen
den man zu lieben
sich vorgenommen hatte.
es war alles so planquadratisch.
man konnte abschieben.
in die ecke stellen.
wie ein kind
das ein abgenutztes
spielzeug wegstellt.
wie ein altkluges kind
das nie
weise werden wird.

niemand starb mehr durch
gerichtsbeschluss. aber
man brachte um. man
sah einfach nicht hin.
das ist der blick der tötet.
man sah nicht hin…

gemeinsam brachen sie
auf in die zukunft.
reichten sich die hände
um der vergangenheit abzuschwören…

und wacker schritten sie voran.
es ging schnell.
viel zu schnell. ihre augen
fielen zu. einem instinkt
gehorchend ließen sie sich treiben…

und dann sah ich sie. sie alle.
wie sie stürzten.
keiner sah den graben.
das lodernde feuer in ihm.
lautlos fielen sie und
knirschend fraßen die flammen
die seelen aus ihren leibern.

die luft war nicht mehr zu atmen...




aus: leichten fußes, 1984