Spoilern als Grundtugend

Er fährt eine Knautschzone auf vier Rädern, noch dazu ein europäisches Fabrikat; was er anhat, ist mehr Putzlappen als Mantel; seinen kaum weniger putzlappenaffinen Hund, der bevorzugt vor sich hin schläft, nennt er prosaisch Hund; Auto, Hund und er, ich rede von Inspektor Columbo, ergeben alles in allem ein subversives Statement gegen elegantes und stilsicheres Auftreten, weshalb mir diese TV-Serie selbst nach Jahrzehnten immer noch größtes Vergnügen bereitet.

Wie kaum eine andere ist sie außerdem gegen den dramaturgischen Mainstream gebürstet. Spoilern ist hier die Grundtugend schlechthin. Von Anfang an weiß man, wer am Ende über- und abgeführt wird. Deshalb kann man sich mit wohliger Gemütlichkeit den schrulligen, abwegig scheinenden Methoden des Inspektors widmen, mit denen er perfektest scheinende Morde, selbst wenn sie von IQ-Granaten ausgetüftelt worden sind, intellektuell ad absurdum führt. Am Ende steht der versonnen-vertrottelt wirkende Inspektor mit italienischen Wurzeln als Triumphator da, was dank seines Äußeren und seiner Vorliebe für drittklassiges Streetfood ganz besonders komisch – und liebenswert ist.

Dabei steckt die Serie voller Patzer. Ein ins Bild ragendes Mikrophon ist nur einer von vielen. Aber was stört das bei einem Format, das die Verfremdung zum Prinzip erhebt, ohne die Spannung zu opfern? Serienfans machen sich sogar einen Spaß daraus, systematisch nach derlei Fehlern zu suchen.

Columbo ist ein ausgesprochen biederer Familienmensch. Frau, Schwager und andere Verwandte spielen eine große Rolle, ohne dass man sie je zu sehen bekommt. Das allerdings lässt mich zweifeln, ob es diese Familie, besonders seine Frau, überhaupt gibt, auch wenn man Ende der 1970er sogar eine Mrs. Columbo auf Verbrecherjagd geschickt hat. Nur einmal bekommt man sie zu sehen, aber nur auf einem Foto, was sich jedoch als Fake herausstellt. Ich erinnere mich sogar daran, dass dieser Zweifel am Ende einer Folge einmal tatsächlich geäußert wird. Fazit: So muss Krimi.

Ungestümes Wachstum

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Stichwort Ketchup

Das Verspeisen eines hochgestapelten Burgers gehört, Stichwort Ketchup, nicht zu den elegantesten Fingerübungen. Aber pfeif aufs Handling! Aufs Tasting kommt es an!

Aber wenn man nachts vergeblich gegen die Übermüdung des Vortags anzuschlafen versucht hat, weil sich der Kopf vor lauter Stress im Kreis oder besser Kreisel dreht, nimmt man es mit beidem nicht so genau. Wenn dann schon die Morgentoilette zur Grenzbelastung wird, weil man statt der gewohnten Routine jede Bewegung zweimal machen muss, gehe ich zum Frühstück lieber gleich zum „Sterntraum“, wie der „Burgermeister“ meines Misstrauens heißt, der bei mir um die Ecke sein Unwesen treibt.

Mit seinem ebenso üblichen wie üblen Trick bringt er mich wieder einmal dazu, seine neueste Kreation zu testen. „Aufs Haus“ sagt er, und schon faselt er von Weißwürscht(!), Bacon, Kohlrabi, Tomate, Bergkäse, Zwiebeln, Knoblauch, Honig (oder war’s Hering?), Kreuzkümmel, Koriander, Zimt, Kurkuma und natürlich Sternanis. Ohne Stern geht’s bei ihm nicht. Jeder Koch habe die Pflicht, von Sternen zu träumen, sagt er. Deshalb heiße sein Etablissement, wie er, ob gelegen oder ungelegen betont, auch „Sterntraum“. Ketchup kommt in seiner Liste natürlich auch vor.

Serviert wird mir eine windschiefe, an Pisa erinnernde Konstruktion, die ein Hölzchen mit Mühe am Auseinanderfallen hindert. Kann schon von Handling keine Rede sein, dann erst recht nicht von Tasting. Diese Mixtur aus Biotonne und Putzlappen straft alle kulinarischen Fachbegriffe wie Konsistenz, Textur, Aroma oder Mundgefühl Lügen. Die Menschenwürde ist durchaus antastbar.

Immerhin habe ich allen hier Labung suchenden Brüdern und Schwestern einen Dienst erwiesen. Denn dieser Burger hat es dank meiner herbeigelittenen Expertise nicht auf die Karte geschafft. Er müsse beim Handling wohl noch etwas nachbessern, ruft mir Maître Sternträumer hinterher, als ich zwecks Hemdwechsels, Stichwort Ketchup, missmutig sein Lokal verlasse. Einmal mehr schwöre ich: Nie wieder Versuchskaninchen!