Vor Schokolade wird gewarnt

„Machst du einen auf Weihnachten? Du siehst aus wie ein Schokonikolaus. Fehlt nur die Folie und das Goldglöckchen.“

„Du hast gut lachen. Wenn du wüsstest, was mir gerade passiert ist. Ich stehe an der roten Ampel da drüben. Da fällt mir dieses Schild an dem Haus an der Ecke ins Auge. Vor herabfallenden Eiszapfen wird gewarnt, heißt es, und das bei der Hitze.”

„Du meinst, die sollen im Sommer lieber vor Schokolade warnen?”

„Spar dir deine Flachwitze! Auf einmal sehe ich, wie etwas Dunkles aus einem Fenster in den oberen Stockwerken fliegt. Ich zucke zusammen und versuche intuitiv, mich zu schützen, vor was auch immer. Dabei verrenke und verbiege ich mich so gut es geht, um irgendwie auszuweichen. Ich befand mich ja in einem Pulk von Leuten, die nur über die Straße wollten und die meine Bewegungen im besten Falle für einen spontan hingelegten Ausdruckstanz hielten. Aber nichts half. Am Ende machte es Zlatsch.“

„Zlatsch?“

„Du weißt schon, dieses Geräusch aus Zombiefilmen.“

„Klar.“

„Und ich war voll mit … was ist das eigentlich? Wirklich Schokolade?”

„Ich glaub schon, obwohl ich es seltsam finde, dass jemand mit zähflüssiger Schokolade um sich wirft. Noch dazu im Hochsommer.“

„Zum Glück war es nichts anderes. Erinnerst du dich noch, damals im Hauptbahnhof?“

„Du meinst die Sache mit der Taube?”

„Ja, eklig. Ich bin froh, dass es dieses Mal Schokolade ist.“

„Wahrscheinlich Schokoladenpudding. Lecker.“

Wir Leckermäuler

Wie alle Jahre, so lässt es sich der kritische und damit mündige Verbraucher auch heuer nicht nehmen, darüber Klage zu führen, dass die Läden schon während der letzten Sommerwochen ihrem Angebot einen weihnachtlichen Anstrich verleihen, indem sie wie aus dem Nichts einschlägige Leckereien, etwa Spekulatius, Dominosteine oder gar Lebkuchen ins Blickfeld unserer Kauflaune rücken. Mich stört das nicht, weil ich sowieso auf die Krapfensaison warte, die gemeinsam mit dem Fasching (anderswo Karneval) am Elftenelftenelfuhrelf beginnt. Krapfen sind zwar ganzjährig zu bekommen, aber in ihrer schier endlosen Vielfalt eben nicht. Bis es allerdings soweit ist, müssen wir Leckermäuler noch die Interimsphase der Kirchweihnudeln und Ausgezogenen absolvieren, ehe es so richtig losgeht mit den Krapfen. Das weihnachtliche Backwerk wird von mir, von der einen oder anderen Lebkuchenneuschöpfung vielleicht abgesehen, konsequent ignoriert.

Krapfen sind eigentlich aus demselben Material wie die Ausgezogenen. Nur sind sie 1. nicht ausgezogen und 2. werden sie gefüllt, wenn auch schon längst nicht mehr nur mit Marmelade, sondern regelrecht mit allen streichfähigen Konsistenzen, die das Konditorhandwerk zu bieten hat. Krapfen einst und heute sind in etwa vergleichbar mit dem Unterschied zwischen einer Fleischpflanzerlsemmel (Frikadellenbrötchen) und einem Burger.

Auf einen Missstand möchte ich allerdings durchaus hinweisen. Es ist unstatthaft, einen Krapfen unter dem Namen „Schokokrapfen“ zu verkaufen, wenn er lediglich Schokoladenpudding enthält. Das ist Fake. Denn Schokoladenpudding hat mit Schokolade ungefähr so viel zu tun wie Leberkäse mit Leber und Käse. Nicht dass ich Schokoladenpuddingkrapfen eklig fände, aber es frustriert meine Erwartungshaltung, wenn ich in einen Krapfen beiße, der als Schokokrapfen getarnt daherkommt und sich als Schokoladenpuddingkrapfen entpuppt. Eher verbiegen sich gehärtete Edelstahlbalken, wenn sie einer durchschnittlichen Wahlkampfrede beiwohnen, als dass mich mein über Jahrzehnte geschulter Geschmackssinn trügt.

Ich sündige nach meinen Regeln

Wieso zum Kuckuck steht vor mir dieses Plastikbehältnis, dessen Inhalt gemäß Deckelaufruck Schokoladenpudding sein soll, obwohl er bestenfalls und auch nur entfernt daran erinnert? Trotzdem soll ich in dieser düsteren Kaschemme, umgeben von nicht weniger düsteren Gesellen meine Geschmacksnerven verbiegen, ja geradezu neu justieren und diesen glitschig-glibbrig-zittrigen Baaz, wie wir in Bayern sowas nennen, nicht nur hurtigst, sondern sogar mit Genuss weglöffeln.

Wie bitteschön komme ich dazu! Ich bin Diabetiker, und als solcher sündige ich durchaus, etwa wenn ich an die siebenschichtige Prinzregententorte oder an Schokoladensorbet denke, aber, um das klarzustellen, nach meinen Regeln. Ich leide es ganz und gar nicht, wenn man mich dazu anstiften will, Dinge zu tun, die ich nun einmal nicht tun will, und so ein dubioses wackeliges übersüßes diabetikerfeindliches Ungetüm, zusammengemanscht aus Stärke, Wasser und vor allem Zucker, will ich nun einmal ganz und gar nicht weglöffeln. Ist das klar?

Wieder einmal habe ich Grund, mich vor der Erfindung des Weckers zu verneigen, der pünktlich um 5.38 Uhr seines an sich gnadenlosen Amtes waltet und mich rechtzeitig, ehe es zum Schlimmsten kommt, diesem ekligen Traum entreißt.

Mit Daimler nach Bonn

In der Zeit, als Bonn provisorische Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland war, wurden zu Bundestagswahlen gelegentlich Plakate geklebt, auf denen über dem Konterfei eines Kandidaten zu lesen war: N.N. für Bonn. Das war ebenso knackig wie banal. Werbung eben. Ich habe daraus den leicht satirischen Titel für meine „Parabel aus nicht vergangener Zeit” abgeleitet: „Ein Affe für Bonn”. Der Name des Affen: Daimler.

Geschrieben habe ich den Text um 1981/82. Nachdem dank Wiedervereinigung aus unserer provisorischen Bundeshauptstadt die endgültige namens Berlin geworden ist, stellte (s)ich mir die Frage, ob ich nicht auch Daimler statt nach Bonn nach Berlin ziehen lassen sollte. Aber ich entschied mich dagegen. Es handelt sich ja genau genommen nicht um eine wirklichkeitsnahe Erzählung, sondern um eine, na klar, Parabel – und Bingo, das war’s! Der Affe für Bonn wurde qua Untertitel zur „Parabel aus nicht vergangener Zeit” er- und ein bisschen auch verklärt.

Darin geht es um einen gewissen Sebastian Buck, dessen Haustier, ein Schimpanse, Daimler heißt. Die Geschichte beginnt mit einer persönlichen Krise:

„Ich hatte damals schon an die zehn Jahre für die Familienzeitschrift Unsere bunte Illustrierte gearbeitet und steckte gerade in einer Krise. Ich war 45 und hielt es für angebracht, einmal Bilanz über mein Leben zu ziehen. Über der Mitte meines Lebens stehend wollte ich mir Klarheit darüber verschaffen, wie es nun weitergehen sollte. Um es kurz zu sagen, ich war ganz einfach unzufrieden mit mir, mit meiner Arbeit, mit meinen Freunden, mit allem. Außer mit Daimler.“

Statt nun in seiner Unzufriedenheit zu versinken, wird Sebastian Buck aktiv.

„Ich hatte einen offenen Brief an den Bundeskanzler verfasst und ihn in Unserer bunten Illustrierten abgedruckt, und zwar in der Rubrik, für die ich zuständig war. An der Stelle, an der die Leser gewöhnlich die Sorgen und Probleme ihrer Mitmenschen von Nah und Fern vorfanden, stand plötzlich ein Text, der mit den Wörtern ‚Lieber Herr Bundeskanzler in Bonn!‘ begann.“

In dem Brief bekommt der Bundeskanzler unmissverständlich zu hören, „dass es höchste Zeit sei, jetzt endlich daran zu gehen, etwas zur Verbesserung des Landes zu tun und nicht immer nur daherzureden in der Hoffnung, die nächste Wahl mit möglichst vielen Stimmen zu gewinnen.“

Schon daran sieht man, wie sehr sich die Zeiten ähneln. Aber wie gesagt, das habe ich Anfang der 80er geschrieben. Zufall also. Zufall?

Natürlich wird Buck entlassen. Aber er verfügt über ein Pfund, mit dem er zu wuchern gedenkt. Die Dreistigkeit, seine Kolumne zur politischen Plattform umzufunktionieren, hat aus ihm, dem unbedeutenden Provinzredakteur, unversehens einen Schlagzeilenpromi gemacht, und als solcher beschließt er, mit Daimler medienwirksam nach Bonn zu ziehen, um im Parlament eine Rede zu halten.

An weitere Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Dazu müsste ich die Geschichte erst mal wieder lesen, wovor ich ehrlich gesagt zurückscheue. Jedenfalls stelle ich mir Daimler genauso vor wie den Schimpansen auf Bild 2 der Impulswerkstatt: als schelmisch grinsenden weißen weisen alten Typen. Oder so.

Inzwischen habe ich „Ein Affe für Bonn“ zusammen mit „Niemand gegen Polyphem“, „Puppenfleisch und Marionetten“ und der Horreske „Bruno von Denteck oder: Ich beiße nicht“ zur „Zimtinger Tetralogie“ gebündelt, wobei mit Zimting eine geografische Enklave meiner Phantasie auf dem Flecken Erde gemeint ist, den man Bayern nennt.