
Vor 50 Jahren
Ich bin immer wieder überrascht, wenn sich Sätze in meinem Gedächtnis aus Texten zurückmelden, die schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Bild 3 aus Myriades Impulswerkstatt war der Auslöser für mich, nach dem Verbleib des Textelements „blicke nach rechts” zu forschen. Ich bin tatsächlich fündig geworden.
blicke nach rechts
sehe nur mich
nach links
sehe nur mich
oben unten vorne hinten
nur mich mich mich.
worte
die mein mund spricht
klingen wie aus fremdem munde
zu mir gesprochen.
lasse alles an mir abprallen
was fremd ist.
kein du zum ich.
bin mit mir alleine.
wirble im kreis.
möchte weg.
doch ich gehorche
nicht mehr meinen befehlen.
bin nicht tot.
bin irgend etwas anderes.
es könnte ewig so weitergehen.
ich spüre
es wird gefährlich...
aus: leichten fußes, 1984

Krisenmodus, faul, empfehlen: Von diesen drei vorgegebenen Stichwörtern, mit denen Christiane ihre Schreibeinladungen des neuen Jahres startet und die in einem Text mit maximal 300 Wörtern enthalten sein müssen, sticht mir eines ganz besonders ins Auge. Man wird schnell merken, welches.
Weiterlesen „Janz faul“

Ich würde sagen, der folgende Beitrag für die Impulswerkstatt passt sowohl zu Bild 1 als auch, wegen des historischen Bezugs, zu Bild 3. Er könnte sogar zu Bild 4 passen, was aber jeder selber entscheiden mag. Und Glas (Mosaikstück 1) kommt als Wortbestandteil auch vor. Tja, und nachdem ich den Text gerade noch einmal bearbeitet habe, erscheint auch noch Bild 2 ein geeigneter Bezugspunkt zu sein. Wenn ich es recht bedenke, hat meine Geschichte zu allem Überfluss auch einen jahreszeitlichen Bezug zum Advent, der ja an die Zeit erinnert, da geplagte Seelen Heil von Gott erhofften, das sich dann zur großen Überraschung in einer Geburt unter prekären Umständen ereignet haben soll. Schimmert dieser adventliche Aspekt der Hoffnung nicht durch alle vier Bilder hindurch?
Lange nachdem Jakob van Hoddis in einem von Robert Gernhardt so genannten „Lyrik-Hammer” das „Weltende” verspottet und etwas weniger lange, nachdem der Literaturnobelpreisträger Cesław Miłos sein melancholisch-zärtliches „Lied vom Weltende” intoniert hatte, brach tatsächlich die „Zeit der Endgültigkeit“ an. So nannten Zeitzeugen wie ich die apokalyptisch anmutenden Jahre, als sich die Politik in die Absurdität zu verabschieden begann und der Bevölkerung Regeln auferlegte, die einzuhalten unmöglich war, weil sie sich gegenseitig annullierten. Der verantwortungsvolle Staatsbürger wurde zu einer vom Aussterben bedrohten Art.
Damals war es auch, dass die Musik plötzlich anfing, sich von ihren verdutzten Melodien zu lösen und sich in ihre angestammten Instrumente zurückzuziehen. Die Buchstaben machten sich über Nacht vom Acker und ließen ihre Bücher, die nicht wussten, wie ihnen geschah, leer in den Regalen zurück. Buchstäblich aus dem Staub machten sich auch die Farben, so dass allenfalls ein paar verhuschte Pigmentkleckse an bessere Tage erinnern. Unsere Kultur, unsere Herkunft, unsere Geschichte – alles war mit einem Mal Schnee von gestern.
Mit besonderer Wucht traf es die Computer, denen man das Regiment über Wohl und Wehe unserer Zukunft übertragen hatte. Jedes einzelne Bit trat geradezu panisch die Flucht aus sämtlichen Speichermedien an hinein ins wolkig-virale Datennirwana. Die weltweite Vernetzung, lange als einziger Heilsweg zwischenmenschlicher Kommunikation glorifiziert, erwies sich auf einmal als ungangbar, so dass in wenigen Wochen die imposanten Glasbauwerke in sämtlichen Silicon Valleys dieser Welt in ihre Bestandteile zerfielen. Von „Datendämmerung“ war die Rede, und die Zeitung mit den größten Buchstaben titelte ebenso kurz wie souverän: „Die Analogie schlägt zurück“. Eine ganze Epoche schien ihr Ende beschlossen zu haben. Es schien fast, als hielte die Menschen nur noch die bizarre moralische Pflicht aufrecht, nun mit gemeinsamer Kraftanstrengung die Luft aus der Welt zu lassen und mit letzter den Löffel abzugeben. Jedenfalls trübte sich der natürliche Wille zu leben merklich ein. Man ließ es phlegmatisch, geradezu apathisch zu, dass die Melancholie im allgemeinen Stimmungsgefüge die Oberhand bekam und sich endgültig als Einfallstor für die schlimmste aller Pandemien entwickelte: der Depression.
Fürs Arbeiten, Lernen, Bäume pflanzen und für so Sachen wie Kinder erziehen, Pflicht erfüllen, Verantwortung tragen hatte man keine Zeit und erst recht keine Lust mehr. Ich weiß noch, dass ich mir damals nur dachte, jetzt pressiert es, und wir Menschen sollten schnell weggenießen, was an Verwertbarem noch da ist. Wer weiß, was noch kommt.
Tja, und nun streiten sich die Gelehrten darüber, ob das der schon lange beschworene Weltuntergang war, oder wieder einfach nur ein Neubeginn, wiwie er sämtliche Weltuntergänge seit dem Mittelalter hartnäckig begleitet hat, obwohl man sie bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, manchmal sogar mit Datumsangabe, vorauszusagen pflegte. Immerhin kann man sagen: Wenn es dämmert, ist es entweder Abend oder Morgen.
Wenn ich Bild 3 der Impulswerkstatt sehe, in dem sogar die bayerischen Farben weiß und blau aufscheinen, sind meine Gedanken sofort bei meinem Kini, den ich schon jahrelang in vierzeiligen Versen bedichte und den man an dem Refrain „Ja schbini, sogd da Kini“ erkennt. Dass es ein, nein der niederbayerische Kini ist, sollte ich vielleicht auch noch vorausschicken.
Schon lange lebe ich als Niederbayer unter Bayern in Oberbayern und habe am 18. Januar 1974 mit einem Gedicht in der Standardsprache meinen ersten dichterischen Gehversuch unternommen. (Es droht also mein 50Jähriges.) Obwohl ich das Schriftdeutsche (manche nennen es noch immer „Hochdeutsch“) bis heute als künstlerisches Ausdrucksmittel bevorzuge, so bekenne ich ebenso bis heute, dass ich ohne den bayerischen Dialekt nicht das schreiben würde, was ich so zusammenschreibe. Ich verdanke dem Dialekt, in dem ich meine Muttersprache erkenne, nichts weniger als mein Gefühl für die Schönheit der Sprache.
Vergleichsweise spät, aber immerhin, habe ich begonnen, auch im Dialekt zu schreiben. Das Wort „Kini” leistet mir dazu hervorragende Dienste. Obwohl es traditionell mit den Wittelsbachern verbunden ist, habe ich es einem Niederbayern zugewiesen. Was jenen recht ist, darf diesen doch billig sein. Natürlich hat mein Kini außer diesem seinem Namen mit den Wittelsbachern nichts gemein, insbesondere nicht das niederbayerische Idiom, dem er sich verpflichtet weiß. Vor allem aber: Er ist ein reiner Reim-Kini, und als solcher einzigartig und unverwechselbar. Ja schbini!
Ihn und nur ihn habe ich in bisher über 1.300 vierzeilige und -hebige jambische sowie paargereimte Strophen gegossen, denen jeweils mit „Ja schbini, sogd da Kini“ ein Kehrvers folgt. (Gute 300 davon sind übrigens als Buch im Turmschreiber Verlag, Husum, jawohl: Husum erschienen.) Diese Form ist striktest einzuhalten. Was immer ich noch vom Kini dichten sollte, ohne diese Form ist ist es kein Kini-Verserl.
Dass mein Kini inzwischen einen Allzeitweltrekord halten dürfte, ist keineswegs hochgestapelt. Sogar das Format des Guinness-Buchs habe ich damit gesprengt, weil mein Schbini-Kini-Rekord kaum brechbar ist.
Die formale Strenge hat natürlich seinen Grund. Die japanischen Haikus waren es, die mir die Bedeutung der Form eines gedichteten Werkes so richtig klar gemacht haben. Die Formstrenge ist nämlich keineswegs beengend. Sie kann sogar zu Wortneuschöpfungen führen, die trotzdem so klingen, als wäre es seit uralter Zeit Teil unseres bajuwarischen Stammeswortschatzes. Ein Beispiel:
Beim Kini kimt s Gmias oiwei frisch
vom Gartn eina aufn Disch,
und a seine Brinznbuam
meng säiwazongne Gäiweruam.
Ja schbini, sogd da Kini.
Jawohl, ich bilde mir ein, dass die „Brinznbuam“ (Prinzenbuben) meine Schöpfung sind. Ohne den Zwang zur Form wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, sie dem Nichts zu entreißen.
Im Laufe der Zeit, da es immer mehr solcher Verserl geworden sind, hatte ich immer wieder Anlass zu solch diebischer Freude, weil ich im Dialekt eine subversive Qualität erkannte, die von ähnlicher Bedeutung ist wie die Philosophie, die zum Ausdruck kommt, wenn ein Bayer die berühmten Worte des Goetheschen Götz von Berlichingen ausstößt, die da lauten: Leck mich usw. Kann doch das Bayerische Wörter in Endreimen zusammenwachsen lassen, die im Standarddeutschen nicht zusammengehören. Das folgende Beispiel dazu enthält im übrigen ein weiteres Wort, das ich mir wohl als Erfindung in mein literarisches Kerbholz schnitzen darf, ich meine den „Kinivadda“ (soviel wie Königpapa):
„Vadda, Vadda, Kinivadda!
Gäh mit mir ins Kaschpaltheater!“
„Es gibt koan Kaschpal fiar an Prinz!
I glaub, es junga Leit, es schbinz.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Ähnliches lässt sich für das harmonische Bayerisch-Englisch-Verhältnis sagen, wie ich an gleich zwei (ich hätte sogar noch ein drittes) Verserln demonstrieren möchte, eine Harmonie übrigens, die in keinem geringeren als Anthony Rowley ihren personifizierten Ausdruck findet, der als gebürtiger Brite ein Experte in Sachen bayerischer Dialekt ist:
„Ich weiß, dass Du Geburtstag hast“,
schreibd d Queen vom Buckingham Palast.
„Ich wünsche Dir, verehrter Kini,
happy birthday. Deine Queenie.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Erst recht gilt dies für bayerische Wörter, die mir schon so oft ein Reimerlebnis der entzückenden Art beschert haben:
Sogd d Kuni: „Nix do, meinem Schwein
wead neamad ned an Hois obschnein.
Geh weg do, Metzga, mit deim Hagge! [Beil]
De Sau do kenn i scho ois Fagge!“ [Ferkel]
Ja schbini, sogd da Kini.
Dieser Vers steht im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf ein nicht näher bezeichnetes Fest, und Kuni ist Frau Kini.
Was nun die Inhalte anlangt, so folgen die Verse, die unter dem Titel „Sogd da Kini“ zusammengefasst sind, keinem speziellen Konzept. Was immer sich der formalen Vorgabe gemäß dichterisch fixieren lässt und mein schriftstellerisches Gemüt inspiriert, hat allergrößte Chancen auf Aufnahme in den Kini-Kanon:
Da Kini schbuid mim Diener Schach.
Da Diener sogd: „Das i ned lach!
Schaun S, Majestät, jetz setz i glatt
beim Schach mein eigna Kini matt.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Wollte man diesen Kini-Kanon kategorisieren, ergäbe sich, Stand heute und freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, folgende Liste:
Denn auf Reisen ist er auch, aber (bis jetzt) immer nur hoch zu Ross, wenngleich er natürlich als überzeitliches Wesen durchaus auch das automobile Fortkommen kennt.
Natürlich ließe sich die Liste fortführen. Aber das ist nicht meine Aufgabe als Dichter, das wäre die Aufgabe dessen, der einmal den verwegenen Versuch einer Ausgabe des gesamten Kini-Kanons wagen würde. Bis es soweit ist oder auch nicht, stelle ich an Sonn- und Feiertagen jeweils einen Vers unter www.emsemsem.net ins Internet. Unter den Followern weiß ich welche, die speziell dem Kini mit seinem bayerischen Reiz ihre Aufmerksamkeit widmen.
Mit einem Beispiel aus der Abteilung „Der Kini und Geistesgrößen“ möchte ich schließen und damit einem Inspirationshöhepunkt meines Schaffens die Reverenz erweisen:
Da Kini sogd: „Du, Wrdlbrmpfd,
bist moan i gestern schwaar vasumpfd.“
„Stimmt, Kini“, sogd der, „i gibs zua.
Dafia hob i heit aa no gnua.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Es ist natürlich kein Zufall, dass ich damit dem (fast unaussprechlichen) Herrn Wrdlbrmpfd eine tragende Rolle in einem Kini-Versal zuweise, verdankt er seine Existenz doch dem erstaunlichen Genie Karl Valentins, der mich mit den Herren Hepperdepperneppi und Rembremerdeng zu dem Namen „Emsemsem“ inspiriert hat, den ich für meinen Blog verwende. (Außerdem ist Emsemsem der Name für eine Figur in meiner SF-Parodie „Globulon nimmt Kurs auf Schröder XIII“, die ich unter dem Namen Carla Cimtinger exklusiv für „Futter“, der „Zeitschrift für Nimmersatte“ verfasst habe. Aber das ist eine andere, ja ganz andere Geschichte, über die wer will unter https://emsemsem.net/carla-cimtinger-ihr-leben-und-werk-in-vollen-auszugen/ mehr erfährt.)
Nachtrag: Wenn ich meine Kini-Versal als „Königlich-Bayerische Reimungen“ bezeichne, darf man das durchaus als Verbeugung vor dem gleichnamigen Amtsgericht verstehen, um das sich unser Zweites Deutsches Fernsehen in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts bleibende Verdienste erworben hat
„Nochn“ (Heinz Erhardt) Nachtrag: Ich bin einmal mit amerikanischen Touristen ins Gespräch gekommen. Es waren ein Mann und zwei Frauen. Ihre Frage, ob ich englisch spräche, beantwortete ich mit einem zurückhaltenden Ja und ergänzte, meine eigentliche „mother language“ sei jedoch „the bavarian slang“. Und schon begann ich ihnen zu erzählen, dass sich beide Sprachen mit ihrem Schwung und ihrem Schmelz (ich sprach von „smooth“) ähnelten. Es versteht sich von selbst, dass ich diese These mit einem Beispiel untermauerte, in dem außerdem der Bezug zu ihrer amerikanischen Heimat offenkundig ist:
„Weilst du milliardenweise spendst
und s Gäid ois Wohltäter verschwendst,
sog i ois Kini dir, Bill Gates,
a ganz a herzlichs Gott vagäits.“
Ja schbini, sogd da Kini.
Die drei ließen mir keine Gelegenheit, ihnen den Sinn dieser für sie unverständlichen Worte zu erklären. Wie aus einem Munde sagten sie nämlich: „It sounds great.“ Und ich wusste: Amerika versteht mich. Und wenn mich Amerika versteht, versteht mich bald die ganze Welt.