Ohne viel Federlesens

Da flaniert man ohne Absicht, ohne Plan, ohne Ziel und irgendwie doch voll mit allen dreien durch die Gegend, und plötzlich muss man Kirschen ausweichen, die eigentlich auf den Baum neben dem Bürgersteig gehören, wo sie aber von nicht warten könnenden und schon gar nicht wollenden Amseln und anderem gefiederten oder nicht gefiederten Getier am Zuendereifen gehindert werden. Dann denkt einer wie ich an Bild 1 der Impulswerkstatt, verfällt der Idee, dieses seltsame Spiel aus Spuren und Farben der dritten Art zu fotografieren, und setzt sie sogleich ohne viel Federlesens ins digitale Werk. (Foto: Bernhard Huber)

Outfit mit Putzlappen

Es muss sie geben: Menschen, die bei der Frage, wo sie schlafen sollen, nicht einmal dann zusammenzucken, wenn ihnen nur noch ein höchstpreisiges Bett in einer Luxus-Herberge zur Verfügung steht. Wenn es sie nämlich nicht gäbe, wäre es wirtschaftlicher Unfug vom neu errichteten Koe-, vormals Königshof, in der Stadtmitte Münchens, eine „Presidential Suite“ für bis zu 16.000 € anzubieten.

Kann man sich aber vorstellen, wie eben solche Geldspieltkeinerollemenschen durch die Zimmer ihrer zahlreichen Anwesen und Bleiben streifen, um eigenhändig Staubfuseln und Spinnweben hinterherzuputzen? Vor kurzem habe ich immerhin gelesen, dass selbst sie ganz normale Dinge tun. Internetmilliardäre etwa widmen sich selbst der Erziehung ihrer Kinder, indem sie die Zeit, die ihre Sprösslinge mit und an Digitalem zubringen, streng limitieren oder der Geldverschwendung ihres Nachwuchses einen Riegel vorschieben, indem sie ihm nur 10 Mios, aus Schichtsicht also nur etwas mehr als nichts zu vererben gedenken. Ich denke auch an die verblichene Queen. Sie soll sich persönlich darum gekümmert haben, dass abends in ihren an Zimmern gewiss nicht armen Behausungen das Licht ausgemacht wird.

Insofern bereitet mir die Vorstellung, dass Reiche, Schöne und Mächtige ihr sonst so elegantes, nicht selten stylisches Äußeres gegen ein Outfit mit Putzlappen eintauschen, um persönlich für Sauberkeit zu sorgen, nicht mehr gar so große Probleme. Staub kennt zwar Schichten, aber keine Grenzen. Übrigens: Selbst Österreichs Kaiserin Sisis stilles Örtchen war, das geräumige Schloss darum herum geradezu lautmalerisch kontrastierend, tatsächlich nicht mehr als ein Örtchen. Trotzdem hat sie damit Vorlieb genommen. Hier hat sie vielleicht stets aufs Neue die Erfahrung gemacht: Am Ende ist auch sie gleich.

Übrigens, sogar sie gibt es: Menschen, die sich absolut nicht für Fußball interessieren. Auch jetzt nicht. Vielmehr: jetzt erst recht nicht.

Spoilern als Grundtugend

Er fährt eine Knautschzone auf vier Rädern, noch dazu ein europäisches Fabrikat; was er anhat, ist mehr Putzlappen als Mantel; seinen kaum weniger putzlappenaffinen Hund, der bevorzugt vor sich hin schläft, nennt er prosaisch Hund; Auto, Hund und er, ich rede von Inspektor Columbo, ergeben alles in allem ein subversives Statement gegen elegantes und stilsicheres Auftreten, weshalb mir diese TV-Serie selbst nach Jahrzehnten immer noch größtes Vergnügen bereitet.

Wie kaum eine andere ist sie außerdem gegen den dramaturgischen Mainstream gebürstet. Spoilern ist hier die Grundtugend schlechthin. Von Anfang an weiß man, wer am Ende über- und abgeführt wird. Deshalb kann man sich mit wohliger Gemütlichkeit den schrulligen, abwegig scheinenden Methoden des Inspektors widmen, mit denen er perfektest scheinende Morde, selbst wenn sie von IQ-Granaten ausgetüftelt worden sind, intellektuell ad absurdum führt. Am Ende steht der versonnen-vertrottelt wirkende Inspektor mit italienischen Wurzeln als Triumphator da, was dank seines Äußeren und seiner Vorliebe für drittklassiges Streetfood ganz besonders komisch – und liebenswert ist.

Dabei steckt die Serie voller Patzer. Ein ins Bild ragendes Mikrophon ist nur einer von vielen. Aber was stört das bei einem Format, das die Verfremdung zum Prinzip erhebt, ohne die Spannung zu opfern? Serienfans machen sich sogar einen Spaß daraus, systematisch nach derlei Fehlern zu suchen.

Columbo ist ein ausgesprochen biederer Familienmensch. Frau, Schwager und andere Verwandte spielen eine große Rolle, ohne dass man sie je zu sehen bekommt. Das allerdings lässt mich zweifeln, ob es diese Familie, besonders seine Frau, überhaupt gibt, auch wenn man Ende der 1970er sogar eine Mrs. Columbo auf Verbrecherjagd geschickt hat. Nur einmal bekommt man sie zu sehen, aber nur auf einem Foto, was sich jedoch als Fake herausstellt. Ich erinnere mich sogar daran, dass dieser Zweifel am Ende einer Folge einmal tatsächlich geäußert wird. Fazit: So muss Krimi.

Ungestümes Wachstum

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