Das Salz in der Buchstabensuppe

Ich war nie ein enthusiastischer Leser, Lesen war mir sogar immer ein wenig suspekt. Mit Lesen meine ich vor allem dieses Geschmökere nach dem Motto „Masse macht Klasse”. Schon als Kind leuchtete mir nicht ein, warum ich etwas lesen sollte, was ein mir unbekannter XY irgendwo und irgendwann schriftlich von sich gegeben hat. Illustrierte Bücher sind mir bis heute allemal lieber als jede noch so opulente Papierstulle, selbst wenn sie sich Bestsellerlisten hochstrampeln. Für mich gilt: Illustrationen sind das Salz in der Buchstabensuppe. Insofern: Hut ab vor Kinderbuchautoren!

Im Prinzip lese ich schon länger keine Bücher mehr, ich lese lieber in ihnen. Insbesondere mit dem, was als „Roman“ daherkommt, habe ich einfach Probleme. Figur, Funktion und Fiktion des alles- und besserwissenden Erzählers, der im und aus dem Off seines oft undurchsichtigen Amtes waltet, sind es vor allem, die mir das bereitwillige Eintauchen in die literarische Illusion nicht selten verleiden.

Trotzdem habe auch ich meine Romanfavoriten, denen ich den Erzähler abnehme: „Humphry Clinkers Reise“ von Tobias Smollett, „Lebensansichten des Katers Murr“ von E.T.A. Hoffmann, „Leben und Ansichten von Tristram Shandy. Gentleman“ von Laurence Sterne, „Leben. Gebrauchsanweisung” von Georges Perec, „Fußreise“ sowie sämtliche Märchen von H.C. Andersen. Außerdem schätze ich P.G. Wodehouse schon alleine des Humors wegen. Dennoch gilt mein aktuelles Leseinteresse vor allem der Kürze in Form von Aphorismen und Lyrik sowie philosophisch-theologischen Schriften, aber eben nicht „Büchern”.

Vielleicht habe ich im Laufe meines Lebens zu viele Bücher gelesen. (Dochdoch, werte Bildungsbeflissene, das ist durchaus möglich.) Lange habe ich im Ehrenamt als Rezensent für einen Büchereifachverband gearbeitet. Da galt es Buch um Buch zu lesen, ja zu verschlingen, weil immer eine Frist einzuhalten war. Da vergeht einem irgendwie das Genießen. Dennoch möchte ich diese Tätigkeit nicht missen. Und wie gesagt: In Büchern lese ich weiterhin mit großem Behagen.

Vor Schokolade wird gewarnt

„Machst du einen auf Weihnachten? Du siehst aus wie ein Schokonikolaus. Fehlt nur die Folie und das Goldglöckchen.“

„Du hast gut lachen. Wenn du wüsstest, was mir gerade passiert ist. Ich stehe an der roten Ampel da drüben. Da fällt mir dieses Schild an dem Haus an der Ecke ins Auge. Vor herabfallenden Eiszapfen wird gewarnt, heißt es, und das bei der Hitze.”

„Du meinst, die sollen im Sommer lieber vor Schokolade warnen?”

„Spar dir deine Flachwitze! Auf einmal sehe ich, wie etwas Dunkles aus einem Fenster in den oberen Stockwerken fliegt. Ich zucke zusammen und versuche intuitiv, mich zu schützen, vor was auch immer. Dabei verrenke und verbiege ich mich so gut es geht, um irgendwie auszuweichen. Ich befand mich ja in einem Pulk von Leuten, die nur über die Straße wollten und die meine Bewegungen im besten Falle für einen spontan hingelegten Ausdruckstanz hielten. Aber nichts half. Am Ende machte es Zlatsch.“

„Zlatsch?“

„Du weißt schon, dieses Geräusch aus Zombiefilmen.“

„Klar.“

„Und ich war voll mit … was ist das eigentlich? Wirklich Schokolade?”

„Ich glaub schon, obwohl ich es seltsam finde, dass jemand mit zähflüssiger Schokolade um sich wirft. Noch dazu im Hochsommer.“

„Zum Glück war es nichts anderes. Erinnerst du dich noch, damals im Hauptbahnhof?“

„Du meinst die Sache mit der Taube?”

„Ja, eklig. Ich bin froh, dass es dieses Mal Schokolade ist.“

„Wahrscheinlich Schokoladenpudding. Lecker.“

Wir Leckermäuler

Wie alle Jahre, so lässt es sich der kritische und damit mündige Verbraucher auch heuer nicht nehmen, darüber Klage zu führen, dass die Läden schon während der letzten Sommerwochen ihrem Angebot einen weihnachtlichen Anstrich verleihen, indem sie wie aus dem Nichts einschlägige Leckereien, etwa Spekulatius, Dominosteine oder gar Lebkuchen ins Blickfeld unserer Kauflaune rücken. Mich stört das nicht, weil ich sowieso auf die Krapfensaison warte, die gemeinsam mit dem Fasching (anderswo Karneval) am Elftenelftenelfuhrelf beginnt. Krapfen sind zwar ganzjährig zu bekommen, aber in ihrer schier endlosen Vielfalt eben nicht. Bis es allerdings soweit ist, müssen wir Leckermäuler noch die Interimsphase der Kirchweihnudeln und Ausgezogenen absolvieren, ehe es so richtig losgeht mit den Krapfen. Das weihnachtliche Backwerk wird von mir, von der einen oder anderen Lebkuchenneuschöpfung vielleicht abgesehen, konsequent ignoriert.

Krapfen sind eigentlich aus demselben Material wie die Ausgezogenen. Nur sind sie 1. nicht ausgezogen und 2. werden sie gefüllt, wenn auch schon längst nicht mehr nur mit Marmelade, sondern regelrecht mit allen streichfähigen Konsistenzen, die das Konditorhandwerk zu bieten hat. Krapfen einst und heute sind in etwa vergleichbar mit dem Unterschied zwischen einer Fleischpflanzerlsemmel (Frikadellenbrötchen) und einem Burger.

Auf einen Missstand möchte ich allerdings durchaus hinweisen. Es ist unstatthaft, einen Krapfen unter dem Namen „Schokokrapfen“ zu verkaufen, wenn er lediglich Schokoladenpudding enthält. Das ist Fake. Denn Schokoladenpudding hat mit Schokolade ungefähr so viel zu tun wie Leberkäse mit Leber und Käse. Nicht dass ich Schokoladenpuddingkrapfen eklig fände, aber es frustriert meine Erwartungshaltung, wenn ich in einen Krapfen beiße, der als Schokokrapfen getarnt daherkommt und sich als Schokoladenpuddingkrapfen entpuppt. Eher verbiegen sich gehärtete Edelstahlbalken, wenn sie einer durchschnittlichen Wahlkampfrede beiwohnen, als dass mich mein über Jahrzehnte geschulter Geschmackssinn trügt.

Ich sündige nach meinen Regeln

Wieso zum Kuckuck steht vor mir dieses Plastikbehältnis, dessen Inhalt gemäß Deckelaufruck Schokoladenpudding sein soll, obwohl er bestenfalls und auch nur entfernt daran erinnert? Trotzdem soll ich in dieser düsteren Kaschemme, umgeben von nicht weniger düsteren Gesellen meine Geschmacksnerven verbiegen, ja geradezu neu justieren und diesen glitschig-glibbrig-zittrigen Baaz, wie wir in Bayern sowas nennen, nicht nur hurtigst, sondern sogar mit Genuss weglöffeln.

Wie bitteschön komme ich dazu! Ich bin Diabetiker, und als solcher sündige ich durchaus, etwa wenn ich an die siebenschichtige Prinzregententorte oder an Schokoladensorbet denke, aber, um das klarzustellen, nach meinen Regeln. Ich leide es ganz und gar nicht, wenn man mich dazu anstiften will, Dinge zu tun, die ich nun einmal nicht tun will, und so ein dubioses wackeliges übersüßes diabetikerfeindliches Ungetüm, zusammengemanscht aus Stärke, Wasser und vor allem Zucker, will ich nun einmal ganz und gar nicht weglöffeln. Ist das klar?

Wieder einmal habe ich Grund, mich vor der Erfindung des Weckers zu verneigen, der pünktlich um 5.38 Uhr seines an sich gnadenlosen Amtes waltet und mich rechtzeitig, ehe es zum Schlimmsten kommt, diesem ekligen Traum entreißt.