Eine Begriffshuberei
Christiane lädt zum literarischen Sommerpausenintermezzo: Aus zwölf Stichwörtern müssen mindestens sieben in dem zu erstellenden Textgebilde vorkommen, wobei die sonst striktest einzuhaltende Schallmauer von 300 Wörtern bedenkenlos überschritten werden darf. Eine weitere Bedingung, die ich für die erste Version dieses meines Sommerpausenintermezzobeitrags glatt ignoriert habe, lautet, dass eine „Kommunikation zwischen mindestens zwei Arten“ vorkommen muss, wobei man bezüglich des Verständnisses von „Art“ der Fantasie freien Lauf lassen kann, was ich immer sehr gerne mache. Ansonsten bleibt es dabei: Ich vermute, dass ich für meine Etüde ganz fürchterlich unter dem Einfluss von Karl Valentin gestanden habe. Außer Konkurrenz machen auch noch die Wörter Knoten, Holzscheit, Schwert und Möchtegernamerikaentdecker mit. 😉)
Jeder kennt den unlösbaren gordischen Knoten, und alles, was lebt und spricht, behauptet, Alexander der Große hätte ihn gelöst. Da bin ich ganz anderer Ansicht. Denn egal ob ihn dieser Alexander mit dem Schwert oder ein Stallknecht mit der Sense durchhaut, so ein Knoten ist nicht gelöst, sondern eben durchgehauen wie ein Holzscheit. Dem Alexander hat’s halt pressiert, und im buchstäblichen Eifer des Gefechts hat er das Schwert gezückt. Aber den Knoten gelöst hat er so nicht. Ein Knoten wird nur dadurch gelöst, dass man ihn sorgsam aufpfriemelt, ohne dem ihn bildenden Material Schaden zuzufügen. Genausogut könnte einer behaupten, er spiele Gitarre, wenn er bar aller Regeln der musikalischen Kunst noten- und sinnfrei über die Saiten klampft.
Infolgedessen ist diese altgriechische „Glanzleistung“ den ominösen gordischen Knoten betreffend genauso wenig eine wie die Sache mit dem sagenumwobenen Ei des Kolumbus. Dieser (Achtung, Bandwurmwort!) Möchtegernamerikaentdecker soll ein Ei durch pure Gewalt zum Stehen gebracht haben. Phhh! Er hat das Ei einfach nur so auf den Tisch gedrückt, dass dessen Schale gebrochen ist, ohne auszulaufen. Klar, dass so ein Ei nicht umfällt. Aber ist ein angeknackstes noch zu 100% ein Ei im Sinne der Challenge? Du lieber Hühnergott, mitnichten! In meinem Alter lässt man sich kein X mehr für ein U vormachen. Der saubere Herr Kolumbus darf froh sein, sich nicht lächerlich und auf dem Tisch kein Malheur angerichtet zu haben.
– Moment, du stehst mit einem Fuß ganz schön tief drin im Diskriminierungsfettnäpfchen, weißt du das? Wie kommst du dazu, vor Bandwurmwörtern zu warnen?
– Das ist immer noch mein Text. Was geht dich das an?
– Ich bin dein zerebraler Endlosbandwurmwortgenerator. Deshalb geht mich das was an.
– Echt jetzt? Dich gibt’s?
– Ohne mich hätte dein Möchtegernamerikaentdecker nicht das Licht dieser Zeilen erblickt.
– Verstehe ich das richtig, dass wir so einem wie die Gaspreisbremse, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, das Erneuerbareenergiengesetz und den Transmissionswärmeverlust verdanken? Vom Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän ganz zu schweigen?
– Oja, das sind wir, und damit du’s weißt: Wir sind viele, um nicht zu sagen die Mehrheit. Die Wörter, die wir unter eure Sprachgemeinschaft mischen, passen in kein Lexikon. Unsere Produktion ist krisenfest und tendiert gegen unendlich. Also nimm dich in acht!
– Ich werd’s mir merken.
– Dann darfst du weitermachen.
– Wird auch Zeit, und jetzt verzieh dich wieder in dein Sprachzentrum. Das eigentlich immer noch meins ist.
Man hat vielleicht schon gemerkt, dass es mir im Grunde um den redlichen Umgang von Begriffen geht. Wenn jeder daraus macht, was er will, können wir uns bald nicht mehr vernünftig unterhalten. Das sonst so hochgelobte Kommunikationszeitalter wäre schneller gescheitert, als man es buchstabieren kann. Schon dem Kugelfisch gegenüber habe ich erhebliche Zweifel. Die meiste Zeit seines wässrigen Lebens ist er eben kein Kugel-Fisch. Ein Aal heißt hingegen zurecht so, weil er immer einer ist. Bei einer Häkeljacke, die mir gerade zufällig einfällt, verhält sich die Sache noch einmal anders. Sie wird ja nur solange gehäkelt, bis sie eine Jacke ist.
Ebenso wirft der schon erwähnte Stallknecht die Frage auf, ob er wirklich ein Stall-Knecht ist. So einer könnte einem doch nur noch leid tun wie eine Wasserflasche, die genau genommen nichts anderes ist als ein Begriff ohne In-Halt.
Derart unbekümmert wird unsere Sprache heute malträtiert, dass es nur so eine Art ist. Bald ist es so weit, dass Menschen nur noch vor sich hin brabbeln, bis keiner mehr weiß, soll ich jetzt beleidigt sein oder bin ich wirklich blöd. Wenn das so weitergeht, kannst du demnächst nicht einmal mehr Apfelkompott sagen, Schaumkrone oder Johanniskraut, ohne dass ein gewaltiger Sturm durchs Internet saust, den ich absichtlich nicht so nenne, wie man ihn sonst nennt, weil ich das ordinär finde und es meine sprachliche In-Kompetenz kompromittieren, bloß-stellen, nackt machen würde. Nackt? Du liebe Güte. Bloß das nicht! Dazu könnte man jetzt schon wieder so viel sagen, dass es einem das Hirn durchschwurbeln würde. Bei nackt denkt doch jeder gleich an Tatsachen. Stellt euch vor, Tat-Sachen, und dann noch nackt! Igitt! Zum Fremdschämen. Fremd-Schämen? Richtig gelesen, Fremd-Schämen, was sonst.

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Ich finde das ziemlich witzig, dass du dich und deinen „zerebralen Endlosbandwurmwortgenerator“ als zwei verschiedene Arten ansiehst, aber ich hab kein Problem damit 😉
Danke für die zweite Version und deine Bereitschaft zur Überarbeitung. Ich verlinke dich sofort.
Abendgrüße! ⛅🌳🍷🧀🍅
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Danke! Und schönen Abend!
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Pingback: 7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2023 | Irgendwas ist immer
Das ist ja ein faszinierender Gesprächspartner 🙂
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Fein erweitert!
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Danke!
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