Igitt!

Eine Begriffshuberei

Jeder kennt den unlösbaren gordischen Knoten, und alles, was lebt und spricht, behauptet, Alexander der Große hätte ihn gelöst. Da bin ich ganz anderer Ansicht. Denn egal ob ihn dieser Alexander mit dem Schwert oder ein Stallknecht mit der Sense durchhaut, so ein Knoten ist nicht gelöst, sondern eben durchgehauen wie ein Holzscheit. Dem Alexander hat’s halt pressiert, und im buchstäblichen Eifer des Gefechts hat er das Schwert gezückt. Aber den Knoten gelöst hat er so nicht. Ein Knoten wird nur dadurch gelöst, dass man ihn sorgsam aufpfriemelt, ohne dem ihn bildenden Material Schaden zuzufügen. Genausogut könnte einer behaupten, er spiele Gitarre, obwohl er bar aller Regeln der musikalischen Kunst nur noten- und sinnfrei über die Saiten klampft.

Infolgedessen ist diese altgriechische „Glanzleistung“ den ominösen gordischen Knoten betreffend genauso wenig eine wie die Sache mit dem sagenumwobenen Ei des Kolumbus. Dieser Möchtegernamerikaentdecker soll ein Ei durch pure Gewalt zum Stehen gebracht haben. Phhh! Er hat das Ei einfach nur so auf den Tisch gedrückt, dass dessen Schale gebrochen ist, ohne auszulaufen. Klar, dass so ein Ei nicht umfällt. Aber ist ein angeknackstes noch zu 100% ein Ei im Sinne der Challenge? Du lieber Hühnergott, mitnichten! In meinem Alter lässt man sich kein X mehr für ein U vormachen. Zur Eiheit eines Eis gehört eine makellose Schale. Der saubere Herr Kolumbus darf froh sein, sich nicht lächerlich und auf dem Tisch kein Malheur angerichtet zu haben.

Man hat vielleicht schon gemerkt, dass es mir im Grunde um den redlichen Umgang mit Begriffen geht. Wenn jeder daraus macht, was er will, können wir uns bald nicht mehr vernünftig unterhalten. Das sonst so hochgelobte Kommunikationszeitalter wäre schneller gescheitert, als man es buchstabieren kann. Schon dem Kugelfisch gegenüber habe ich erhebliche Zweifel. Die meiste Zeit seines wässrigen Lebens ist er eben kein Kugel-Fisch. Ein Aal heißt hingegen zurecht so, weil er immer einer ist. Bei einer Häkeljacke, die mir gerade zufällig einfällt, verhält sich die Sache noch einmal anders. Sie wird ja nur solange gehäkelt, bis sie eine Jacke ist.

Ebenso wirft der schon erwähnte Stallknecht die Frage auf, ob er wirklich ein Stall-Knecht ist. So einer könnte einem doch nur noch leid tun wie eine Wasserflasche, die genau genommen nichts anderes ist als ein Begriff ohne In-Halt.

Derart unbekümmert wird unsere Sprache heute malträtiert, dass es nur so eine Art ist. Bald ist es so weit, dass Menschen nur noch vor sich hin brabbeln, bis keiner mehr weiß, soll ich jetzt beleidigt sein oder bin ich wirklich blöd. Wenn das so weitergeht, kannst du demnächst nicht einmal mehr Apfelkompott sagen, Schaumkrone oder Johanniskraut, ohne dass ein gewaltiger Sturm durchs Internet saust, den ich absichtlich nicht so nenne, wie man ihn sonst nennt, weil ich das ordinär finde und es meine sprachliche In-Kompetenz kompromittieren, bloß-stellen, nackt machen würde. Nackt? Du liebe Güte. Bloß das nicht! Dazu könnte man jetzt schon wieder so viel sagen, dass es einem das Hirn durchschwurbeln würde. Bei nackt denkt doch jeder gleich an Tatsachen. Stellt euch vor, Tat-Sachen, und dann noch nackt! Igitt! Zum Fremdschämen. Fremd-Schämen? Richtig gelesen, Fremd-Schämen, was sonst.

5 Gedanken zu “Igitt!

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  2. So sehr, wie ich dich unterstütze, was die korrekte Verwendung von Worten angeht (auch ich finde es höchst beklagenswert, wie die Sprache malträtiert wird und dass keiner keinem mehr zuzuhören scheint, um sich wirklich auszutauschen), so sehr vermisse ich Teil zwei der Etüdensommerpausenintermezzoaufgabe (Entschuldigung, ich mag den Bandwurm so): Wo ist die Kommunikation zwischen den Wesenheiten abgeblieben? Würdest du da bitte noch irgendwas nachtragen? Ich habe neulich schon ein Intermezzo nicht verlinkt, weil dieser Teil fehlte, ich kann also bei dir nicht anders verfahren – aber ich würde es sehr bedauern. Sag bitte Bescheid, ja?
    Mittagskaffeegrüße ⛅🌳🌼☕🍪

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    1. Nix gegen Bandwürmer! Die sind eine Besonderheit unserer Sprache. Ist schon in Ordnung, dass du den Text wegen Regelmissachtung nicht verlinkt hast. Ich werde nochmal in mich gehen. (Eine vage Idee keimt bereits.)

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