Reicher als die Reichsten

Ich weiß fast nichts über diese Frau, aber sie hat einen festen Platz in meinem Herzen. Sie hieß Maria Aster und wohnte im Armenhaus in Arnstorf, einem Markt im niederbayerischen Kollbachtal, in dem ich geboren bin. Armenhaus: So wurde dieses Haus tatsächlich genannt. Niemand hat dieses Wort geringschätzig gebraucht. Armut war kein Makel, und das von der Gemeinde bereitgestellte „Oamahaus“ diente Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat, als schlichte Bleibe.

Als fromme Frau besuchte sie regelmäßig die Messe. Weil sie aber nicht mehr gut zu Fuß war, bat sie uns Kinder immer wieder um Gefälligkeiten. Einmal sollte ich für sie am Fest der Erscheinung des Herrn, landläufig das Fest der Heiligen Drei Könige, ein Tütchen mit Weihrauch und Kreide weihen lassen, die für die traditionelle Haussegnung benötigt wurden. Ihr Haus freilich war ihr Zimmerchen im Armenhaus. Als ich ihr die geweihten Utensilien brachte, wollte sie mir 50 Pfennige geben, für mich Knirps ein kleines Vermögen. Von meiner Mama wusste ich um die materielle Lage der Armenhausbewohner. Ich sollte deshalb kein Geld annehmen. Da kam man bei dieser Frau an die Richtige. Sie bestand darauf, dass ich das Fuchzgerl einstecken soll. Schließlich gelang es mir, die Münze in einem unbeobachteten Moment unter ein Deckchen zu schieben.

Danach konnte sich meine Mama aber was anhören. „Was man einem Kind schenkt“, so wurde sie belehrt, „schenkt man dem lieben Gott.“ So bekam ich doch das Fuchzgerl, und bis heute beschämt mich so viel Großzügigkeit.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von der Aster Marie die schönste Glückwunschkarte. Auch da hat sie nicht gespart. Sogar ihre Freundin, die Trifterer Lina, ihre Zimmernachbarin im Armenhaus griff für die Kommunionkarte an mich tief in die Tasche. Beide Karten besitze ich noch heute. Ich bewahre alle Kommunionkarten sorgsam auf, weil sie mir alle sehr viel bedeuten. Aber mit diesen Zeilen der Aster Marie ein bescheidenes Denkmal setzen zu können, ist mir ein besonderes Anliegen. Die Aster Marie mag arm gewesen sein, aber wer einen so beglücken kann wie sie, ist reicher als selbst die Reichsten dieser Welt.

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