Alles hat seinen (versalzenen) Preis

Sokrates soll angesichts des umfänglichen Warenangebots in Athen verwundert ausgerufen haben, wie viele Dinge es doch gebe, die er gar nicht brauche. Nun, das antike Griechenland ist weit weg, aber das heutige Warenangebot würde Sokrates nicht weniger in Staunen versetzen. Doch weil der schon lange nicht mehr lebt, besorge ich das für ihn. Ich staune allerdings weniger über die Dinge, die angeboten werden, sondern darüber, dass sie, was immer sie kosten, auch gekauft werden. Es ist, als würden die Käufer ignorieren, dass sie es sind, die am anderen Ende der Wertschöpfungskette rackern, schuften, malochen, kurz früh aufstehen und arbeiten: das Geld verdienen müssen.

Ich nehme Euch gerne mit auf einen kleinen Schaufensterbummel rund um die Fußgängerzone in München, der zwar schon ein paar Jahre zurück liegt, aber immer noch bestens illustriert, was ich meine.

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Schulreif mit Glubberl

Der Dialekt ist die Sprache, die jeder Mensch quasi mit der Muttermilch einsaugt. Mit dieser begabt, unterzog sich unser Sohn im Alter von sechs Jahren, wie sich das für einen jungen schulpflichtigen Staatsbürger gehört, der amtsärztlichen Einschulungsuntersuchung. Diese umfasste nach alter Tradition eine Art Spiel.

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Er hat mich hängen lassen

Selbst wenn ich vor lauter Koffer und Taschen nicht mehr laufen könnte: Diesen Aufzug werde ich nie wieder betreten. Dabei kann man am Bahnsteig 5/6 des Münchner Ostbahnhofs nicht einmal auf eine Rolltreppe ausweichen. Es gibt keine. Ich werde hier für alle Zeiten mein Gepäck, und mag es so schwer sein, dass es sogar den geduldigsten Esel überfordern würde, treppauf und -ab schleppen. Er hat mich hängen lassen, zweimal innerhalb von einem halben Jahr. Dabei mache ich ihm persönlich überhaupt keinen Vorwurf. Denn erst nach einer Stunde herausgeholt haben uns andere.

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Genderbewegtes Bayern

Als Bayer hat man nicht selten das Gefühl, von Vorurteilen umzingelt zu sein, nur weil man „Grüß Gott“ statt „Guten Tag“ sagt und das Schriftdeutsch sein lässt, was es ist: Schriftdeutsch. Egal ob wir in der Bundesliga oder im Bildungswesen Spitze sind, scheint es dem außerbayerischen Rest der Republik nicht möglich zu sein, davon Abstand zu nehmen, uns für zurückgeblieben zu halten.

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Reicher als die Reichsten

Ich weiß fast nichts über diese Frau, aber sie hat einen festen Platz in meinem Herzen. Sie hieß Maria Aster und wohnte im Armenhaus in Arnstorf, einem Markt im niederbayerischen Kollbachtal, in dem ich geboren bin. Armenhaus: So wurde dieses Haus tatsächlich genannt. Niemand hat dieses Wort geringschätzig gebraucht. Armut war kein Makel, und das von der Gemeinde bereitgestellte „Oamahaus“ diente Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat, als schlichte Bleibe.

Als fromme Frau besuchte sie regelmäßig die Messe. Weil sie aber nicht mehr gut zu Fuß war, bat sie uns Kinder immer wieder um Gefälligkeiten. Einmal sollte ich für sie am Fest der Erscheinung des Herrn, landläufig das Fest der Heiligen Drei Könige, ein Tütchen mit Weihrauch und Kreide weihen lassen, die für die traditionelle Haussegnung benötigt wurden. Ihr Haus freilich war ihr Zimmerchen im Armenhaus. Als ich ihr die geweihten Utensilien brachte, wollte sie mir 50 Pfennige geben, für mich Knirps ein kleines Vermögen. Von meiner Mama wusste ich um die materielle Lage der Armenhausbewohner. Ich sollte deshalb kein Geld annehmen. Da kam man bei dieser Frau an die Richtige. Sie bestand darauf, dass ich das Fuchzgerl einstecken soll. Schließlich gelang es mir, die Münze in einem unbeobachteten Moment unter ein Deckchen zu schieben.

Danach konnte sich meine Mama aber was anhören. „Was man einem Kind schenkt“, so wurde sie belehrt, „schenkt man dem lieben Gott.“ So bekam ich doch das Fuchzgerl, und bis heute beschämt mich so viel Großzügigkeit.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von der Aster Marie die schönste Glückwunschkarte. Auch da hat sie nicht gespart. Sogar ihre Freundin, die Trifterer Lina, ihre Zimmernachbarin im Armenhaus griff für die Kommunionkarte an mich tief in die Tasche. Beide Karten besitze ich noch heute. Ich bewahre alle Kommunionkarten sorgsam auf, weil sie mir alle sehr viel bedeuten. Aber mit diesen Zeilen der Aster Marie ein bescheidenes Denkmal setzen zu können, ist mir ein besonderes Anliegen. Die Aster Marie mag arm gewesen sein, aber wer einen so beglücken kann wie sie, ist reicher als selbst die Reichsten dieser Welt.