Einfach erzählt

Diese Geschichte mag jeder deuten, wie er will, ich erzähle sie einfach mit der Freude meines Herzens.

Als meine Mama als hochbetagte Frau, weil sie nicht mehr recht hören konnte, ihr Telefon abgeschafft hat, begann ich, ihr jede Woche einen Brief zu schreiben, jeden Sonntag, um genau zu sein.

Zum Ende der Sommerzeit 2010, da die Uhren endlich um eine Stunde zurückgestellt werden sollten und wieder normal ticken durften, wollte ich über die schönen Bilder schreiben, die der Herbst dieses Jahres mit seinem milden Sonnenlicht und mit den sich gelb und rot färbenden Blättern gemalt hat. Dabei ist mir ein Ahornbaum an der Ostseite des Münchner Domes ganz besonders aufgefallen. Wie mich der angestrahlt hat! Als würde seine Krone von innen her erleuchtet. Leider hatte ich meinen Fotoapparat nicht dabei, so dass ich diesen majestätischen Anblick mit meinen dürftigen Worten nur beschreiben, ihm aber keineswegs gerecht werden kann. Dieses Foto hätte so wunderschön auf den Brief an meine Mama gepasst.

Ein paar Tage später stand wieder die Sonne am Himmel, allerdings nur sporadisch, weil ihr ein zäher Hochnebel sehr zusetzte. Als ich vom Büro aus in die Mittagspause, die meistens aus einem kleinen Rundgang bestand, gehen wollte, war ich angesichts der nicht eindeutigen Wetterlage unsicher: Sollte ich den Fotoapparat trotzdem mitnehmen? Auch wenn der Baum in den letzten Tagen viele Blätter und damit auch viel von seiner Leuchtkraft verloren hat, so hätte ein Foto trotzdem den unbestreitbaren Vorteil, dass Mama nur noch ein bisschen Phantasie brauchte, um zu verstehen, warum dieser Baum vor wenigen Tagen wie eine riesige leuchtende Stehlampe auf mich gewirkt hat. Gerade deshalb aber brauchte ich das milde Licht der Herbstsonne. Würde sie aber die Nebelschwaden für ein Foto zur Seite drücken? Wenn ja, würde ich es mir nicht verzeihen, wenn ich den Fotoapparat wieder nicht mitgenommen hätte. Also steckte ich ihn ein, und nach einem kleinen Stoßgebet ging ich los.

Was soll ich jetzt noch viel erzählen? Kaum dass ich den Ahorn erblicke, sticht mir die Sonne in die Augen, als wolle sie mich ans Fotografieren erinnern. Hätte sie die ganze Zeit geschienen, hätte ich, im gewohnten Trott vor mich hin gehend, bestimmt darauf vergessen. Aber nein! Pünktlich durchbricht sie die Wolken und strahlt. Es war, als wollte sie mir einen Stups geben und sagen: Jetzt oder nie!

Im Vollbesitz seiner herbstlichen Blätterpracht hat dieser Baum geleuchtet wie eine riesige Stehlampe. (Foto: Bernhard Huber)

Hat der liebe Gott mein Stoßgebet erhört? Deutet die Geschichte, wie ihr wollt. Ich habe sie einfach nur erzählt.

Nachtrag: Noch im selben Herbst ist meine Mama gestorben. Den letzten Brief habe ich ihr vorgelesen – beim Begräbnis an ihrem Sarg.

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