Schulreif mit Glubberl

Der Dialekt ist die Sprache, die jeder Mensch quasi mit der Muttermilch einsaugt. Mit dieser begabt, unterzog sich unser Sohn im Alter von sechs Jahren, wie sich das für einen jungen schulpflichtigen Staatsbürger gehört, der amtsärztlichen Einschulungsuntersuchung. Diese umfasste nach alter Tradition eine Art Spiel.

Die Ärztin legte ihm einige an Memory erinnernde Kärtchen vor, auf denen in stilisierter Manier gezeichnete Alltagsgegenstände abgebildet waren und die er zu identifizieren hatte. Nach dem sprachlichen Vermögen der Ärztin befand sich das Bildnis einer „Wäscheklammer“ darunter, nicht jedoch nach dem bayerischgebildeten meines Sprösslings. Deshalb sagte er ebenso sach- wie wahrheitsgemäß, vor allem aber bayerisch korrekt: „A Glubberl“.

Damit schien er die Ärztin dermaßen zu überfordern, dass ihr nichts anderes übrig blieb als zu urteilen: „Nicht schulreif“.

Die widerborstigen Eltern jedoch, die wussten, dass ihrem Sohn und seinem Entwicklungsstand ein weiteres Jahr im Kindergarten nicht zuzumuten war, meldeten den immerhin Schulpflichtigen zur Grundschule an. Nicht nur, dass er bis zum Abitur und darüber hinaus stets fächerübergreifend beste Noten hatte, er war in dem Gymnasium, welches er in der bayerischen Landeshauptstadt besuchte, der einzige seiner Klasse, der in der Adventszeit „Die heilige Nacht“ unseres Volksdichters Ludwig Thoma vorlesen konnte. Wie man sieht, war er nicht nur schulreif, die Schule brauchte den Glubberlkenner sogar.

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