Ein Hoch auf die Münchner S-Bahn

Ich muss unserer S-Bahn ein Kompliment machen. Erst neulich hat sie den Sinn von Fahrplänen eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Sie war pünktlich.

Leider wird das ansonsten kreative Verhältnis der Münchner S-Bahn zur Pünktlichkeit nur wenig wertgeschätzt. Für viele ist sie die Zeitvernichtungsmaschine schlechthin. Dabei sind Verspätungen aus einem modernen computergesteuerten Nahverkehrssystem so wenig wegzugdenken wie, was Loriot treffend erkannte, Frauen aus der heutigen Gesellschaft. Es liegt außerdem an uns, die uns am Bahnsteig durch Verspätungen geschenkte Zeit sinnvoll zu nutzen. Hier kann man doch bequem dringende berufliche oder private („Ich werde mich leider verspäten, Schatz!“) Telefonate erledigen, per Smartphone seinen Verpflichtungen in einem „social network“ nachkommen, in einem Buch lesen oder die Zahlenkolonnen der aktuellen Aktienkurse einmal wirklich studieren. Was hindert uns daran, diesen Augenblicken vor Einfahrt der S-Bahn der direkten zwischenmenschlichen Kommunikation zu widmen und einfach miteinander zu plaudern, über das Wetter z. B. oder über die nächste Fahrpreisanpassung?

Seit jeher liegt der S-Bahn wie überhaupt dem Schienenverkehr das Zwischenmenschliche ganz besonders am Herzen. Gewiss kennt jeder das beglückende Gefühl, das sich einstellt, wenn sich in den Waggons eine wohlige Atmosphäre des körperlichen Miteinanders ausbreitet. Dieses Erlebnis verdanken wir dem konsequenten Einsatz von Kurz- oder Vollzügen anstelle von Langzügen, womit uns die S-Bahn die Eintönigkeit einer bequemen Fahrt und sich selber auch noch Geld erspart.

Sogar unsere Fähigkeit für das Multitasking können wir dank der S-Bahn täglich unter Beweis stellen, vorausgesetzt, wir halten uns streng an die Anweisung des Personals, das nicht müde wird, uns zu bitten, „an allen Türen“ zuzusteigen. Doch der Mensch dieser Tage gehorcht leider nur ungern, also verhallt diese Bitte meistens ungehört. Die Folge: Alle steigen an einer Tür zu und halten so die Abfertigung der S-Bahnen auf. Wie soll sie da pünktlich sein?

Ich erinnere mich allerdings an einen jungen Mann, der sich die größte Mühe gegeben hat, sich auf so viele Türen wie möglich zu verteilen. Auf drei hat er es gebracht, und an der vierten ist er nur deshalb gescheitert, weil sie defekt war.

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