Er hat mich hängen lassen

Selbst wenn ich vor lauter Koffer und Taschen nicht mehr laufen könnte: Diesen Aufzug werde ich nie wieder betreten. Dabei kann man am Bahnsteig 5/6 des Münchner Ostbahnhofs nicht einmal auf eine Rolltreppe ausweichen. Es gibt keine. Ich werde hier für alle Zeiten mein Gepäck, und mag es so schwer sein, dass es sogar den geduldigsten Esel überfordern würde, treppauf und -ab schleppen. Er hat mich hängen lassen, zweimal innerhalb von einem halben Jahr. Dabei mache ich ihm persönlich überhaupt keinen Vorwurf. Denn erst nach einer Stunde herausgeholt haben uns andere.

Beim ersten Mal waren außer mir noch drei oder vier Personen betroffen, darunter ein Mädchen von etwa zehn Jahren. Natürlich war steckenbleiben und den Alarmknopf drücken eins. Es gab für uns (noch) nicht den geringsten Zweifel darüber, dass wir in wenigen Minuten frei sein würden. Es war heller Tag, und an einem so wichtigen Bahnhof wie dem Ost- herrschte gewiss kein Mangel an hilfsbereitem Personal.

Tatsächlich hatte es auch den Anschein, dass es so kommen würde. Schon bald nahmen zwei Posten vor der Aufzugtüre Aufstellung. Weil die Tür durchsichtig war, konnten wir sie beim Aufstellungnehmen ganz gut beobachten. Wir konnten darüber hinaus beobachten, wie sie außer Aufstellung zu nehmen nichts taten. Dabei hätte ein einfacher Dreh mit einem Schraubenzieher genügt, um die Tür zu entriegeln. Vielleicht wussten die beiden nicht, dass sich so ein Aufzug nicht für längere Aufenthalte eignet, weder im Sommer noch im Winter, auch nicht an einem warmen, einem ziemlich warmen, ja fast heiß zu nennenden Herbsttag. Wollten uns die beiden einfach nur Gesellschaft leisten, während wir beim Eingesperrtsein vor uns hin schwitzten? Nebenbei wuchs uns Erwachsenen auch die Aufgabe zu, dem Mädchen, das geistig leicht behindert war und nur nach Hause wollte, gut zuzureden. Es hatte verständlicherweise Angst.

Der Dritte im Bunde da draußen brachte nach etwa einer Stunde die Rettung, einen Schraubenzieher, und nach einer simplen „Drehung der Schraube“ (Henry James) waren wir frei. Als zu Hyperhidrosis neigend war meine Kleidung bis auf die Haut durchgeschwitzt. Vielleicht regte sich deshalb mein investigativer Instinkt besonders intensiv. Ich fragte die beiden Aufstellung genommen habenden Wachposten mit einem, zugegeben, leicht unwirschen Unterton in der Stimme, ob sie denn glaubten, dass wir uns zum Zeitvertreib in diesen mutmaßlichen Aufzug, den ich nie wieder betreten werde, zurückgezogen hätten, um ein wenig Geselligkeit zu pflegen. Meinen unverhohlenen Sarkasmus ignorierend klärten sie mich dahingegehend auf, dass die Bahn nicht für die Aufzüge am Ostbahnhof, von denen ich mindestens einen nie mehr betreten werde, zuständig wäre, sondern die Stadt München. Sie hätten ihrer Pflicht genügt, indem sie die Entwicklung unseres Wohlbefindens beobachtet und selbstverständlich sofort eingegriffen hätten, wenn dieses zu Unwohlbefinden mutiert wäre. Hätte einem von uns außer der Freiheit also plötzlich noch etwas anderes gefehlt, hätten sie unverzüglich gehandelt. Das war immerhin beruhigend.

Beunruhigend war hingegen die Frage, ob sie dann nur den Patienten befreit, die anderen aber mangels akuter Hilfsbedürftigkeit am Verlassen des Aufzuges, den ich nie wieder betreten werde, gehindert hätten. Aber diese Frage ließ ich auf meiner Zunge verkümmern. Ich wollte die Antwort lieber nicht hören.

Die Sache lief also, um mit Privatdetektiv Adrian Monk zu sprechen, so ab: Nach Drücken des Alarmknopfs wurden 1. die beiden Wachposten in Marsch gesetzt, auf dass sie vor dem Aufzug, den ich nie wieder betreten werde, Stellung bezögen, um uns dabei zu beobachten, ob wir Merkmale akuter Hilfsbedürftigkeit entwickelten; 2. wurde der Aufzugtürenentriegelungsdienst, oder wie man dazu sagt, der Stadt München verständigt, der sich, natürlich erst nach amtlicher Feststellung seiner Zuständigkeit, auf den Weg machte und darauf achtete, nicht vor Ablauf einer Stunde bei uns einzutreffen, um uns 3. in wenigen Sekunden aus unserer misslichen Lage zu befreien.

(Heute kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, ob sich einer von uns bedankt hat, schließe es aber aus.)

Trotz dieses Vorfalls war mein Vertrauen in die technische Errungenschaft namens „Aufzug“ nicht gänzlich zerrüttet. Ich nutzte insbesondere jenen, den ich nie wieder betreten werde, bald wieder mit derselben Selbstverständlichkeit wie immer. Allerdings nur noch ein halbes Jahr. Denn nach dieser Zeitspanne blieb er erneut stecken. Das regelmäßige Auf und Ab war nicht sein vorrangiges Alleinstellungsmerkmal.

Die Prozedur war mir schon bekannt, nur dass dieses Mal eine Mama mit ihrem Baby mit an Bord war, und das heißt: mit Kinderwagen. Das bewog mich, dem Drücken des Alarmknopfs Nachdruck zu verleihen. Ich drückte mehr als einmal, was sich allerdings als grober Fehler herausstellte. Vielleicht habe ich damit sogar gegen irgendeine mir nicht bekannte Klausel in den Allgemeinen Aufzugsbeförderungsrichtlinien verstoßen, was unter anderen Umständen womöglich ein Nachspiel gehabt hätte. Jedenfalls wurde ich über die Gegensprechanlage aufgefordert, das Drücken des Alarmknopfes zu unterlassen. Ich würde die Leitung blockieren.

So blieb auch dieses Mal nichts anderes übrig als zu warten und die beiden Wachposten, die selbstverständlich rasch vor dem Aufzug Stellung bezogen, dabei zu beobachten, wie sie da waren. Immerhin gab es weniger wegzuschwitzen. Es war ein früher Frühjahrstag.

Als schließlich, nicht vor einer Stunde versteht sich, der städtische Sesam-öffne-dich-Mann eingetroffen war und uns wie beim ersten Mal ruckzuck befreit hatte, forschte ich in meinem Inneren nach der unwirschen Stimmung, die sich dieses Mal jedoch nicht einstellen wollte, so dass ich nicht einmal zu einer sarkastischen Bemerkung fähig war. Statt dessen entdeckte ich ein veritables Wutgefühl in meiner Bauchgegend, dem ich, den erst Jahre später erfundenen Wutbürger vorwegnehmend, erlaubte, sich ohne Einschränkung in deutlich vernehmbaren Worten zu entladen. Wenn ich die, die ich wählte, hier nicht wiederhole, dann deshalb weil sie nicht gewählt waren. Jedenfalls: Seither habe ich diesen Aufzug, den ich nie wieder betreten werde, nie wieder betreten.

Wenn ich Mitmenschen sehe, die diesen Aufzug, d. i., wie gesagt, n. w. b. w., in der naiven Zuversicht betreten, er würde tun, was Aufzüge gemeinhin zu tun pflegen, können sie meines inneren Mitgefühls gewiss sein. Sie liefern sich für etwa drei Höhenmeter einem Schicksal aus, für das Bahn und München zuständig sind. Allerdings schön der Reihe nach und mit einstündigem Abstand. Auch wenn dieser Aufzug persönlich nichts dafür kann: Betreten werde ich ihn, damit das nun auch jeder weiß, nie wieder.

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